Spätgotische Monstranz ("Messerermonstranz")

Spätgotische Monstranz ("Messerermonstranz")

In: Ostarrîchi - Österreich 996-1996. Menschen, Mythen, Meilensteine. Katalog der Österreichischen Länderausstellung in Neuhofen an der Ybbs und St. Pölten. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller und Peter Urbanitsch. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 388. – Horn: Berger 1996. XXIV, 736. 4°. Objekt-Nr.: 4.06, S. 63.

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Leihgeber: Stadtpfarrkirche Waidhofen an der Ybbs (Niederösterreich)
Spätgotische Monstranz (

© Pfarramt Waidhofen an der Ybbs (Dr. Kurt Strunz)


Sixtus Schmutermeir, Freising 1469-1472 (signiert)
Silber vergoldet, Carneol, Saphir, Aquamarin, Amethyst, Granat, Amandine, folierte Glassteine, Perlen, Glas; mehrere Statuetten, kalt gefaßt, Gravuren an Fuß und Schaft. Höhe 106 cm, Breite 26,5 cm
Wiener Repunze 1806/1807. Freistempel 1809/1810

Die Herkunft dieser Monstranz ist Iaut Inschrift an der sechseckigen Basisplatte der Marienfigur über dem Fenster der Monstranz eindeutig: /1472/ ((s)ie / gemacht/ (ihs/ maria / syx + sch/ mutermei zu freisi/ ng hat/.
Eine genaue Angabe des Beginns und des Endes der Arbeit erfolgt durch die eingravierten Jahreszahlen 1469 und 1472 auf dem Gesimse über dem Fenster. Der Künstler hatte sich für diesen Auftrag durch die Fertigstellung einer ähnlichen Monstranz im Jahr vorher (1468) für den Freisinger Dom qualifiziert, die allerdings 1697 eingeschmolzen wurde. Von dieser Monstranz gibt es laut Dominventar Freising (1636) eine getreue Abbildung aus Holz, die unserer Messerermonstranz (bis auf das ikonographische Programm) gleicht. Da sich die Figuren dieser Monstranz klar dem Künstler Philipp Dirr zuordnen lassen, liegt deren Entstehungszeit 1625 bis 1636. Die immer wiederholte Meinung, diese Holzmonstranz sei das Modell der Messerermonstranz, ist daher nicht aufrechtzuerhalten. Nach Waidhofner Tradition gab die Gottsleichnamszeche der Zunft der Messerschmiede (Messerer) dieses liturgische Gerät in Auftrag und habe es 1512 der Stadtpfarrkirche zu Maria Magdalena und St. Lambert geschenkt. Durch die traditionellen Beziehungen zwischen Waidhofen und Freising erklärt sich auch die Wahl des Künstlers.
Aus einem sechspassigen Fuß (vier Rundpässe, zwei kielbogige) mit profilierter Zarge wächst der sechskantige Schaft hoch. Die ansteigenden Flächen des Fußes zeigen dünnlinige Gravuren von Passionsszenen: Christus am Ölberg/ Dornenkrönung/ Geißelung/ Christus am Kreuz/ Grablegung/ Auferstehung.
Eckstreben, Blendbögen und Maßwerkfenster bilden den Nodus (Knauf), über dem sich der Schaft trichterförmig weitet und eine rechteckige Standfläche (mit hängendem Laubfries) für das Schaugefäß bildet. Die sechs Felder dieses oberen Schaftes schmücken Gravuren von Engeln mit den Attributen: Trommel/ Violine/ Horn/ Triangel/ Harfe/ Posaune. Das kielbogige Hauptfenster des Schaugefäßes wird von hinten von blühenden Ranken mit Edelsteinen und Perlen als Blüten, verschränkten Wimpergen und hängenden Bögen mit einem Edelstein als Schlußstein eingerahmt. Die Seitenscheiben werden von Maßwerk gehalten. Im Schaugefäß halten zwei knieende Engel mit gekreuzter Priesterstola die Lunula zur Aufnahme der konsekrierten Hostie. Auf dem Schaugefäß steht ein sechseckiger Baldachin über einer Marienfigur mit Kind auf Sockel (mit der Signatur), darüber erhebt sich ein Fialenturm mit Strebewerk, in dem ein Schmerzensmann steht, der auf seine Seitenwunde weist. An das Schaugefäß schließen beidseitig Architekturteile mit abhängenden Distelranken, aufstrebenden Fialen und krabbengeschmückten Strebewerk an. In den beiden Durchbrüchen stehen unter Maßwerkbaldachinen die Gestalten der Kirchenpatrone Waidhofens, St. Lambert und Maria Magdalena. Sie begleiten an den äußersten Pfeilern, unter zierlichen Baldachinen und auf ebensolchen Postamenten, filigrane Darstellungen der Patrone Freisings, König Sigismund und Bischof Korbinian. Im oberen Teil der Seitenarchitektur, auf der Höhe der Madonna, stehen auf gedrehten Säulen die Statuetten St. Florians und des Heiligen Hieronymus (?). Durch diese das Schaugefäß in Art eines Flügelaltares erweiternden Anbauten entsteht eine gewisse Betonung der Horizontalen, die zusammen mit der Formensprache der Ornamente (zahlreiche Kielbogen) das Charakteristikum spätgotischer Turmmonstranzen ausmacht. Entsprechend der liturgischen Verwendung beim Fronleichnamsfest ist das Bildprogramm dem Glaubensgeheimnis der Eucharistie verpflichtet.


Herbert Döller


Literatur: Pfarrarchiv Waidhofen/Ybbs, Karton Bauakten 1; Helene Honzer, Restaurierung und Konservierung der Messerermonstranz aus Waidhofen an der Ybbs (ms. DA, Hs f. angewandte Kunst, Wien 1986); Karl Lind, Gotische Monstranzen in Niederösterreich. In: Berichte und Mitteilungen des Wiener Alterthums- Vereins IX (1866), 146ff.; Johann Fahrngruber, Bote aus den Bergen. Kalender für Waidhofen a.d.Ybbs (Krems 1876) 12ff.; P. Martin Riesenhuber, Die kirchlichen Baudenkmäler des Bistums St. Pölten (St. Pölten 1923) 356ff.; Emerich Schoffron, Waidhofen an der Ybbs. Das Bild einer niederösterreichischen Stadt (Wien 1924), 73; Johann Londlinger, Stadtbild und Kunstdenkmäler. In: Die alte Eisenstadt Waidhofen an der Ybbs. Festschrift (Waidhofen/ybbs 1949) 18; Die Gotik in Niederösterreich. Ausstellungskatalog (Krems-Stein 1959) 98f.; Euchoristio. Ausstellungskatalog (München 1960) 116; Herwig Hans Hornung, Die Inschriften Niederösterreichs 1 (Graz 1966) 140; Gotik in Österreich. Ausstellungskatalog (Krems 1967) 230; Arbeitskreis für Bezirksgeschichte Amstetten, Österreichs Wiege – der Amstettner Raum. Bildende Kunst und Kunsthandwerk im politischen Bezirk Amstetten und in der Statutarstadt Waidhofen an der Ybbs (Amstetten-Waidhofen/Ybbs 1981) 235; Freising. 1250 Johre geistliche Stadt. Ausstellungskatalog (Freising 1989) 299f.