Modell des Oktogons von Wieselburg

Modell des Oktogons von Wieselburg

In: Ostarrîchi - Österreich 996-1996. Menschen, Mythen, Meilensteine. Katalog der Österreichischen Länderausstellung in Neuhofen an der Ybbs und St. Pölten. Herausgegeben von Ernst Bruckmüller und Peter Urbanitsch. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 388. – Horn: Berger 1996. XXIV, 736. 4°. Objekt-Nr.: 1.02, S. 30.

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Modell des Oktogons von Wieselburg

© Röm.-kath. Pfarre Wieselburg (Herta Martin)


156 x 101 x 101 cm

Im Jahre 976/979 schenkte Kaiser Otto II. im Zuge der Regensburger Verhandlungen über die Neubesetzung der östlichen Mark über Ersuchen Wolfgangs, seit 972 Bischof von Regensburg, dem Kloster St. Emmeram bzw. dem Bistum "...einen bestimmten Platz zwischen der größeren und kleineren Erlauf dort, wo sie zusammenkommen, der Zuisila genannt wird" ("Iocum quendam inter maiorem et minorem Erlaffam situm ubi ipsi conveniunt, castellum ad construendum qui vocatur Zuisila"), und das Gebiet zwischen der Ybbs, dem Zauchbach und der Großen Erlauf mit allem Zubehör.
Das "Zuisila" der Schenkungsurkunde (althochdeutsch "Zwisila", mittelhochdeutsch "Zwisel", bedeutet "Zusammenfluß" und führte unter Anfügung von -burg als Suffix "zu Wieselburg") ist nach den Ausgrabungen von H. Ladenbauer-Orel in den Jahren 1952 und 1960/61 eindeutig als Kirchenberg in Wieselburg identifiziert worden. Dieser große Platz befindet sich auf einem Geländesporn über dem Zusammenfluß der Großen und Kleinen Erlauf, 15 km oberhalb der Mündung der Erlauf in die Donau. Das Plateau des Geländesporns wies einen Durchmesser von 120 m und Steilabfälle zu den Erlaufflüssen von 20 m Höhe auf. Möglicherweise war diese Fläche ein früherer heidnischer Kultplatz, zumal Wieselburg tatsächlich ein alter Siedlungsplatz ist.
Bischof Wolfgang wollte zunächst die schon bestehende Kirche in Steinakirchen gegen die Ungarn sichern. Er ließ daher in Wieselburg eine wahrscheinlich schon bestehende Wallanlage verstärken und in der Mitte des bewehrten Platzes eine repräsentative Kirche errichten. Damit sollte ein imposantes Zeugnis für die christliche Lehre abgelegt werden. Diese (Wehr-)Kirche St. Ulrich, das früheste erhaltene Bauwerk der Babenbergerzeit in Österreich, gleichsam die "Steinerne Urkunde Ostarrîchis", wurde zwischen 993 (Heiligsprechung des Heiligen Ulrich) und 994 (Tod des Heiligen Wolfgang) konsekriert. Die zweite Bauperiode des Walles der Wehranlage mit Kirche ist um 1000 anzusetzen, die dritte Periode in das 11. Jahrhundert zu datieren. Letztere brachte die Errichtung einer Bruchsteinmauer vor dem Innenwall und das Erbauen eines Innenturmes bzw. von Innentürmen ("Festes Haus"). Ein Modell des damaligen Kirchenberges nach Anleitungen von H. Ladenbauer-Orel steht im alten Pfarrhof von Wieselburg.
Der Bischof von Regensburg hatte mit diesem Werk Hand auf einen regionalen Zentralort gelegt mit dem Ziel der Wiederbesiedlung der Erlaufgegend, die schon seit der Zeit Karls des Großen zu Regensburg und Mondsee gehört hatte und durch die Ungarneinfälle verödet gewesen war.
Beim "Castellum" der Urkunde handelte es sich um keine "Burg" im Sinn der späteren adeligen Höhenburgen, sondern vielmehr um eine Wehranlage, um eine Art Fluchtburg. Sie war gleichzeitig ein zentraler Ort in wirtschaftlicher Hinsicht. Wehr- und Wirtschaftsfunktion standen in engem Zusammenhang. Die Anlage dürfte auch mit einem Markt verbunden gewesen sein.
Die durch den Großbrand in der Wieselburger Pfarrkirche vom Jahr 1952 notwendig gewordene Generalsanierung ließ erkennen, daß der älteste Teil der Kirche, der bisher als romanischer Karner gedeutet worden war, ein selbständiger ottonischer Bau aus der Vorromanik, eben das von Wolfgang von Regensburg erbaute Oktogon ist. Dem würfelförmigen Bau von 8,7 m Seitenlänge mit Kreuzarmen ist ein achteckiger Teil mit einer Zentralkuppel aufgesetzt. Dieser Typus von Sakralbauten hat starke Verbindungen zur karolingischen und letztlich spätantiken Baukunst (frühchristliche und frühmittelalterliche Baptisterien, Ravenna und Aachen), doch hat man in Byzanz um 900 diese Bauform verwendet. Der Wieselburger Oktogonalbau besitzt bis in seine 13,5 m hohe Kuppel eine Freskoausmalung in Medaillons, die mit dem Ende des 10. Jahrhunderts bzw. dem Anfang des 11. Jahrhunderts angesetzt wird (Baugedanke der Allerheiligenkirche). Diese Fresken gehören zu den ältesten Monumentalmalereien des Mittelalters in Österreich.
In der Kuppel thront Christus als Weltenherrscher (Pantokrator). In der Malereizone darunter sind im achteckigen Oktogon die neun Chöre der Engel, und zwar als Halbfiguren mit Heiligenschein und Flügeln dargestellt. Die Zone darunter enthält zwischen rundbogigen Fenstern wohl die Medaillons der 8 Beatitudines für Allerheiligen. Dies kann aus der teilweise lesbaren Umschrift darüber (Seligpreisungen aus den Anfängen der Bergpredigt) erschlossen werden. Weiters finden sich Medaillons mit Propheten, Aposteln usw. So sind in den Trompen links und rechts des Altares je 2 Symbole der Evangelisten (Stier, Adler, Mensch und Löwe) zu sehen. Im Erdgeschoß befinden sich Reste vieler Medaillons, deren Darstellungen nicht erkennbar sind. Der stark byzantinische Charakter der Freskenkompositionen und -programme läßt sich auf den Einfluß der Frau Ottos II., der byzantinischen Prinzessin Theophanu. zurückführen.
Um 1500 wurden 3/8 des Rundbaues wegen des Anbaues des gotischen Langschiffes abgetragen. 1923 wurde die gesamte malerische Ausgestaltung der Kirche mit einem Spitzhammer angespitzt, sodaß bedeutende Freskenteile verlorengingen bzw. nur mehr fragmentarisch erhalten sind. Diese Fehlstellen wurden anläßlich der Restaurierungen von 1958 und 1994 nicht durch (notwendig) unsichere Ergänzungen geschlossen.
Ein Modell des Oktogons mit der Wandausmalung (ergänzt) ist in der Kirche aufgestellt.


Herwig Birklbauer


Literatur: Herwig Birklbauer, Wieselburg an der Erlauf, in: Österreichisches Städtebuch. I IV/3 (Die Städte Niederösterreichs, hg. Österr. Ak. d. Wissenschaften, Wien 1982) 299-317; Otto Demus, Romanische Wandmalereien (München 1968) 86; St. Denk, Das Erlaufgebiet in ur- und frühgeschichtlicher Zeit, Forschungen zur Landeskunde NÖ 13 (Wien 1962); Herta Ladenbauer-Orel, Der Kirchenberg in Wieselburg an der Erlauf, Jb.LkNö 37 (Festschrift K. Lechner, 1965-67) 28-39; dies., Wieselburg an der Erlauf, das östlichste Imperium des hl. Wolfgang, Jb. d. oö. Musealv. 117/1 (= Der hl. Wolfgang, Schriftenreihe des oberösterr. Musealvereines 5, 1972) 26-62; dies., Die Kirche St. Ulrich auf dem bewehrten Fluchtplatz zu Wieselburg. In 1000 Jahre Babenberger in Österreich: Ausstellungskatalog Stift Lilienfeld (Wien 1976) 476-477, Nr. 877; dies., Studien zur Orientierung mittelalterlicher Kirchen (gemeinsam mit M. Firneis), Mitteilungen der Österr. Arbeitsgemeinschaft für Ur- und Frühgeschichte 28/1 (1978) 1-12 (Eine zusammenfassende Publikation aus der Feder Ladenbauer-Orels wird noch heuer in "Archäologie Österreichs" erscheinen); Michael Mitterauer, Zollfreiheit und Marktbereich, Studien zur mittelalterlichen Wirtschaftsverfassung am Beispiel einer niederösterreichischen Altsiedellandschaft (= Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 19, Wien 1969) 240f.; E. Lane, Die mittelalterlichen Wandmalereien in Wien und Niederösterreich, Corpus der mittelalterlichen Wandmalereien Österreichs I (Wien 1982).