Gastmahl in Bethanien

Gastmahl in Bethanien

In: Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 2001. Bd. II: Katalog (Die Stadt im Mittelalter. Eine kulturhistorische Ausstellung im Fürstenhof zu Friesach 2001). Herausgegeben vom Land Kärnten. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Günther Hödl. Redigiert von Barbara Maier. – Klagenfurt: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung Kultur 2001. 311. 8°. Objekt-Nr.: 13.04.01, S. 266.

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Leihgeber: Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Nördlingen (Deutschland); Standort: Stadtmuseum Nördlingen (Deutschland), 4a
Gastmahl in Bethanien

© Stadtmuseum Nördlingen (Studio Herzig)


Friedrich Herlin, 1462
Höhe 130,5 cm, Breite 66 cm; Tempera auf Fichtenholz; Außenseite des rechten Flügels vom ehemaligen Hochaltar der St. Georgskirche in Nördlingen

Mit der detaillierten Darstellung eines Innenraums liefert uns Herlin ein "realistisches" Bild zeitgenössischer bürgerlicher Wohnkultur.
Der Tisch ist mit einem Tuch bedeckt, darauf steht Zinngeschirr. Zinnkannen und wohl vergoldete Silberteller werden überdies in einem Regal über der Tür verwahrt. Die Zurschaustellung kostbaren Geschirrs wie der umgestülpten Deckelkannen in einem Regal oder auf einer Anrichte hatte sich erst im Spätmittelalter als Bestandteil bürgerlichen Wohnens etabliert. Einfache Leute verwendeten in der Regel Teller und Trinkgefäße aus Holz oder Keramik. Nur wohlhabende Bürger konnten sich zur Mitte des 15. Jahrhunderts Geschirr aus Zinn leisten. Zu dieser Schicht gehörte auch unser Maler, der aus Rothenburg ob der Tauber stammende und privilegierte Bürger der freien Reichsstadt Nördlingen Friedrich Herlin. Er erwarb sich mit seiner Arbeit in niederländischer Manier Ansehen und Wohlstand. Ein Besitzinventar, das nach dem Tod der Witwe Agnes Herlin angefertigt wurde, ergänzt als Schriftquelle den kunsthistorischen Befund: Es zeigt, dass auch im Haushalt des Malers derartige Kannen ("Kanten" : Inventarbuch im Stadtarchiv Nördlingen 1503-1507, folio 72ff.) Verwendung fanden. Auch die Präsenz eines Dieners am rechten Bildrand, einen Besen (Fliegenwedel?) in der Hand haltend, bestätigt, dass es sich um einen gut situierten Haushalt handelt.
Ikonographisch betrachtet zeigt das Gastmahl von Bethanien Maria Magdalena, die der "Legenda aurea" zufolge aus edlem Geschlecht stammende Sünderin, die gehört hatte, dass Christus im Hause Simons speise. Sie wagte nicht, sich unter die Gerechten zu setzen, sondern fiel Christus zu Füßen, um diese mit ihren Tränen zu benetzen, mit ihrem langen Haar zu trocknen und zu salben. Christus vergab ihr daraufhin ihre Sünden.
Herlin verlegte die Szene in einen zeitgenössischen Innenraum. Maria Magdalena, als Sünderin ohne Heiligenschein dargestellt, kniet im Vordergrund, vor ihr das geöffnete Salbgefäß. Als Zeichen ihrer vornehmen Herkunft trägt sie ein kostbares Brokatgewand und hebt sich damit von der bürgerlichen Kleidung des Gastgeberpaars Simon und Martha ab, die mit Christus an einem Tisch sitzen.


Andrea Kugler


Literatur: Friedrich HAACK, Friedrich Herlin. Sein Leben und seine Werke (Straßburg 1900).
Ralf KRÜGER, Friedrich Herlin. Maler und Altarbauunternehmer (Diss. Berlin 1996).
Andrea KUGLER, Monika NEBEL, Friedrich Herlin - Eine spätgotische Bilderwelt (Nördlingen 2000).