Adam und Eva beim Liebesakt

Adam und Eva beim Liebesakt

In: Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 2001. Bd. II: Katalog (Die Stadt im Mittelalter. Eine kulturhistorische Ausstellung im Fürstenhof zu Friesach 2001). Herausgegeben vom Land Kärnten. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Günther Hödl. Redigiert von Barbara Maier. – Klagenfurt: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung Kultur 2001. 311. 8°. Objekt-Nr.: 13.03.07, S. 263.

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Adam und Eva beim Liebesakt

© Kärntner Landesarchiv, Klagenfurt (Alfons Poschinger)


In der "Millstätter Handschrift", Benediktinerkloster Millstatt, um 1200
Höhe 19,9 cm, Breite 12,2 cm; Pergament, 119 kolorierte Federzeichnungen, aufgeschlagen Blatt 16v/17r
Faksimile; Original im Kärntner Landesarchiv, Klagenfurt, GV-Hs. 6/19

"Adam minnet hie sin wip da uon so wart swangir ir der lip" lautet die Überschrift zu dem Bild, das in bemerkenswerter Offenheit die Geschlechterrollen als göttliche Verpflichtung zur Fortpflanzung zeigt.
Der Text betont die Strapazen der Schwangerschaft und Geburt. Bereits aus dem Paradies vertrieben, zeugen Adam und Eva ein Kind, das Eva als Folge des Sündenfalls unter Mühe und Not zur Welt bringen muss. Dabei kritisiert der unbekannte Verfasser die Streitsucht des ersten Paares als eigentliche Ursache des Sündenfalls und merkt an, dass eine tätige Reue der beiden Gott wohl noch umgestimmt hätte.
Millstatt war im 12. Jahrhundert ein der Hirsauer Reform zumindest nahe stehendes Doppelkloster für Männer und Frauen. Die wertvollste Handschrift des nur kurzlebigen Skriptoriums umfasst acht frühmittelhochdeutsche Texte aus der Zeit von ca. 1120-1160, von denen die Genesis (das erste Buch Moses) und der Physiologus (eine allegorisch-symbolische Zoologie) mit mehrfarbigen Federzeichnungen
illustriert sind. Die Handschrift war aufgrund ihres volkssprachlichen Charakters mit einiger Wahrscheinlichkeit für das örtliche Frauenkloster bestimmt und zeichnet sich durch ein hohes Niveau in Text und Bild aus.
Der Millstätter Genesistext hält sich eng an die ältere Vorlage einer Handschrift in der Österreichischen Nationalbibliothek, in welcher die biblische Vorlage bereits an die feudale Gesellschaft des Hochmittelalters angepasst wurde; eine weitere frühmittelhochdeutsche Genesisüberlieferung hat sich im oststeirischen Augustiner-Chorherrenstift Vorau erhalten. Die Bilderfolge der Millstätter Genesis basiert hingegen auf frühchristlichen Vorlagen, die regional sehr unterschiedlich rezipiert werden konnten.


Wilhelm Deuer


Literatur: Millstätter Genesis und Physiologus Handschrift. Vollständige Facsimileausgabe der Sammelhandschrift 6/19 des Geschichtsvereines für Kärnten im Kärntner Landesarchiv, Klagenfurt. Einführung und kodikologische Beschreibung von Alfred Kracher (= Codices Selecti X, Graz 1967).
Hella VOSS, Studien zur illustrierten Millstätter Genesis (= Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 4, München 1962).
Marie Therese SÜNGER, Studien zur Struktur der Wiener und Millstätter Genesis (= Kärntner Museumsschriften 36, Klagenfurt 1964).