Ulrich von Liechtenstein

Ulrich von Liechtenstein

In: Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 2001. Bd. II: Katalog (Die Stadt im Mittelalter. Eine kulturhistorische Ausstellung im Fürstenhof zu Friesach 2001). Herausgegeben vom Land Kärnten. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Günther Hödl. Redigiert von Barbara Maier. – Klagenfurt: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung Kultur 2001. 311. 8°. Objekt-Nr.: 12.02.06, S. 211.

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Ulrich von Liechtenstein

© Kärntner Landesausstellungen (Ulrich Peter Schwarz)


Aus: "Manessische" Liederhandschrift, 1300/1305
Photoreproduktion; Original: Codex Manesse oder Große Heidelberger Liederhandschrift, Zürich 1300-1340, Pergament, 426 Blatt (Höhe 35, 5 cm, Breite 25 cm); Universitätsbibliothek Heidelberg, Signatur cpg. 848

Der steirische Politiker und Dichter Ulrich von Liechtenstein (1200/1210-1275) in der legendären Kostümierung als "Königin Venus", seiner prominentesten Romanfigur.
Der in Judenburg geborene und in der Obersteiermark ansässige Ministeriale Ulrich war kein Berufsdichter, er schrieb ausschließlich zu seinem persönlichen Vergnügen und dem seiner Zuhörer und gewiss auch Zuhörerinnen. Völlig unabhängig von Mäzenen schuf er Mitte des 13. Jahrhunderts den ersten Ich-Roman in deutscher Sprache, den er selbst im Schlussvers als "Frauendienst" benannte. Dieses Kompendium aus 1850 gereimten Strophen, 58 Liedern und mehreren eingestreuten Büchlein und Briefen gab der Forschung große Rätsel auf. Durch die Ichform wurde der Roman lange für Ulrichs Autobiographie gehalten, und man nahm die darin geschilderten Ereignisse und kuriosen Verkleidungsabenteuer für bare Münze. Auch wenn sich Ulrich als Hauptheld und liebestoller Minneritter ständig in den Mittelpunkt stellt, letztlich sind seine Abenteuer dichterische Fiktion. Dennoch: Die handelnden Personen, die genannten Orte und das ganze gesellschaftliche Umfeld sind nicht erfunden, sondern bilden die reale Kulisse für seine witzig-waghalsigen Unternehmungen.
Er "spielt" jedoch mit seinen Zeitgenossen, lässt die Ritterkollegen zu Helden oder zu Verlierern werden, ganz wie es ihm in den Sinn kommt und auf dass es dem Publikum gefalle.
Ein heiteres, adeliges Publikum hatte er bestimmt auf seinen Ansitzen in Murau, Judenburg und in Unzmarkt auf der "Frauenburg", die der prominenteste Vertreter seines Geschlechts und Gatte von Perchta von Weissenstein sowie Vater von vier Kindern errichten ließ. 94 Urkunden geben Auskunft über seine politische Karriere als Truchsess, Marschall und Landrichter seines jeweiligen Landesherrn. Als Diplomat im hohen Dienst, der das Ritterhandwerk von der Pike auf gelernt hatte, fiel es ihm nicht schwer, detaillierte Tjost- und Turnierschilderungen zu liefern – so auch eines mit "internationaler" Besetzung in Friesach anlässlich eines Fürstentages. Dass urkundliche Beweise für diesen Mega-Event fehlen, tut der Legende keinen Abbruch.
Seine Figur "Königin Venus", die grandioseste Idee des Dichters Ulrich, setzte sich schon zu seinen Lebzeiten durch und blieb lange in Erinnerung: ein Ritter in Frauenkleidern – noch dazu als Göttin der Liebe –, der/die von Venedig bis nach Böhmen alle Ritter zum Kampf für die Minne herausfordert. In der berühmtesten Liederhandschrift des Mittelalters, im Codex Manesse, sind seine besten Lieder aufgezeichnet, und das Autorenbild zeigt ihn als Ritter mit Frau-Venus-Helmzier.


Barbara Maier


Literatur: Ich - Ulrich von Liechtenstein. Literatur und Politik im Mittelalter. Akten der Akademie Friesach "Stadt und Kultur im Mittelalter" Friesach (Kärnten), 2. - 6. September 1996. Hrsg. von Franz Viktor Spechtler (= Schriftenreihe der Akademie Friesach 5, Klagenfurt 1999).
Ulrich von LIECHTENSTEIN, Frauendienst. Roman, aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche übertragen von Franz Viktor Spechtler (Klagenfurt 2000).