Narren, Narren...

Narren, Narren...

In: Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 2001. Bd. II: Katalog (Die Stadt im Mittelalter. Eine kulturhistorische Ausstellung im Fürstenhof zu Friesach 2001). Herausgegeben vom Land Kärnten. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Günther Hödl. Redigiert von Barbara Maier. – Klagenfurt: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung Kultur 2001. 311. 8°. Objekt-Nr.: 12.01.01, S. 203.

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Narren, Narren...

© Kärntner Landesausstellungen (Ulrich Peter Schwarz)


Abbildung: Hofnarr, Ausschnitt "Siebenhirtertafel", um 1510, Landesmuseum für Kärnten

Nach mittelalterlicher Auffassung ergibt sich die Narrheit aus der Verneinung Gottes, gemäß Psalm 52 (bzw. 13): Es spricht der Tor in seinem Herzen: es gibt keinen Gott. Sie liegt in der Ignoranz gegenüber der christlichen Heilslehre. Der Narr ist ein genuin mittelalterlicher Typus – verkörpert in Personen, die durch abweichendes Verhalten, durch geistige, aber auch körperliche Defekte einer als gottgewollt hingestellten Gesellschaftsordnung widersprachen.
Im Spätmittelalter, und da vor allem im höfischen und städtischen Bereich, treten Narren in der sozialen Wirklichkeit und im Fastnachtsbrauch als reale Personen auf, während sie uns in der Literatur und in der bildenden Kunst als fiktionale Wesen begegnen. Die mittelalterliche Gesellschaft unterscheidet zwischen künstlichen Narren, also solchen, die ihre Rolle nur spielen, und natürlichen Narren, die in welcher Ausformung auch immer zeit ihrer Existenz das Stigma des Abnormalen tragen.
Narren werden zwischen 1200 und 1500 zu einem unverwechselbaren Typus mit festen Merkmalen und Attributen. Das älteste Kennzeichen ist die aufrecht in der Hand getragene Keule, die das negative Gegenstück zum Szepter des weisen Königs David bildet. Um 1300 wird daraus die menschenköpfige "Marotte", das Narrenszepter, das der Narr wie eine Stabpuppe (aus der später bedeutungsgleich der Spiegel wird) als sein eigenes Abbild vor sich herträgt. Mitte des 14. Jahrhunderts erscheint das bis heute geläufige Bild des Narren: Er trägt die charakteristische Narrenkappe – "Gugel" – mit Eselsohren, seit dem frühen 15. jahrhundert tauchen auch die Schellen auf, die an den Zipfeln der Kappe und an den übrigen Gewandrändern hängen. Die Farbgebung des Narrenkleids reicht vom eintönigen Eselsgrau bis zum grell kontrastierenden Mi-Parti, bei dem die Schandfarben Gelb und Rot am häufigsten sind, oft aber auch Grün als die Farbe des Wahnsinns.
Um 1300 wird auch der Typus des Hofnarren historisch greifbar. Am französischen Königshof wird der Narr 1316 "verbeamtet" , die Narrheit wurde damit in den Rang einer höfischen Institution erhoben. Dem königlichen Beispiel folgen bald viele weltliche und kirchliche Fürstenhöfe, zuletzt stellen auch Städte Hofnarren in ihren Dienst. Im Gegensatz dazu wurden die natürlichen Narren, also in der Regel geistig oder körperlich Behinderte, im mittelalterlichen Alltag rigide ausgegrenzt.
Im Lauf des 15. Jahrhunderts entwickelte sich die Narrenfigur zum Inbegriff menschlicher Einfalt, Hybris und Ignoranz gegenüber Gott. Ihren Kulminationspunkt erreichte die spätmittelalterliche Narrenliteratur mit dem Symbol des Narrenschiffs, das als didaktisch sehr wirksame Perversion des Schiffs der Kirche durch Sebastian Brant in ganz Europa populär wurde.


Günther Hödl


Literatur: Maurice LEVER, Zepter und Schellenkappe. Zur Geschichte des Hofnarren (Frankfurt/M. 1992).
W. MEZGER, Narr. In: Lexikon des Mittelalters, Bd. 6 (München u.a. 1993), Sp. 1023-1026.