"Verirrungen des Geistes"

"Verirrungen des Geistes"

In: Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 2001. Bd. II: Katalog (Die Stadt im Mittelalter. Eine kulturhistorische Ausstellung im Fürstenhof zu Friesach 2001). Herausgegeben vom Land Kärnten. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Günther Hödl. Redigiert von Barbara Maier. – Klagenfurt: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung Kultur 2001. 311. 8°. Objekt-Nr.: 05.21, S. 98.

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Leihgeber: Keresztény Múzeum / Christliches Museum (Esztergom, Ungarn), 56.495

© Keresztény Múzeum (Christliches Museum) Esztergom


Österreichischer oder ungarischer Meister, 1430/1440
Höhe 58,5 cm, Breite 46,5 cm; Holz, Tempera

Mitteltafel eines Triptychons, die eine vornehme Dame in ihrer Kemenate zeigt. Rote Linien – "verirrte Gedanken" eines Betenden – führen zu ihr und anderen irdischen Dingen. Der Betende, dessen Gedanken zu den "schönen Dingen des Lebens" abschweifen, war wohl auf der rechten, verloren gegangenen Tafel abgebildet. Das Bild behandelt ein Thema der moralisierenden Literatur, das häufig in Holzschnitten und in der Buchillustration, auf Tafelbildern jedoch selten vorkommt. Die Gedanken des zerstreut Betenden führen – in Form von Linien – zu den irdischen Dingen: zu der schönen Dame bei der Toilette, zu Kleidern und diversen Kostbarkeiten, aber auch zu Pferden, Weinfässern und Häusern. Dem Bild wurde deshalb nachträglich (von Andor Pigler 1934) der Titel "Evagationes spiritus" (Verirrungen des Geistes) gegeben; ein Begriff, der in der spätmittelalterlichen Seelsorge und Predigt häufig vorkommt.
Auf der anderen Seite der Tafel hat sich eine Ölbergszene erhalten, in welcher das Gebet des Heilands dem Schlaf der Apostel gegenübergestellt ist. Es handelt sich demnach wohl um den Mittelteil eines dreiteiligen Passionszyklus, der bei geöffneten Flügeln zu sehen war.
Der unbekannte Maler der Tafel ist österreichischer oder ungarischer Herkunft und zählt zu den Meistern des ausgehenden Weichen Stils.
Bei der – auch für die Datierung hilfreichen – Raumkonstruktion fällt auf, dass nicht ein offenes Fenster, sondern eine fehlende Wand, die jedoch von einem Rahmen begrenzt wird, den Blick nach draußen gewährt.


Barbara Maier


Literatur: Christliches Museum Esztergom, Gorvina Kiadó (Budapest 1993), S.188f.