Schutzmantelmadonna

Schutzmantelmadonna

In: Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 2001. Bd. II: Katalog (Die Stadt im Mittelalter. Eine kulturhistorische Ausstellung im Fürstenhof zu Friesach 2001). Herausgegeben vom Land Kärnten. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Günther Hödl. Redigiert von Barbara Maier. – Klagenfurt: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung Kultur 2001. 311. 8°. Objekt-Nr.: 05.20, S. 97.

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Leihgeber: Landesmuseum für Kärnten (Klagenfurt), 66a/b
Schutzmantelmadonna

© Landesmuseum für Kärnten, Klagenfurt (U.P. Schwarz)


Friesacher Deutschordenswerkstatt (?),. 1420/1430, aus der Johanniterkommende und Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Pulst
60 x 35 cm (links), 55 x 35 cm (rechts); Kalkstein, polychrom gefasst

Unter dem Schutzmantel der Madonna haben alle Menschen Platz. Die stehend oder kniend Schutzsuchenden beiderlei Geschlechts sind nach keiner sozialen Hierarchie (oder nach Berufsständen) angeordnet.
Neben adeligen Rittern, Nonnen und reich gekleideten Bürgern erkennt man auch einen Kardinal und zwei Mitglieder des Deutschen Ordens. Nicht zuletzt aus diesem Grund kann man hypothetisch annehmen, dass das Steinrelief von einer Friesacher Deutschordenswerkstatt geschaffen wurde. Vielleicht stammt das ursprünglich sehr qualitätvolle Pulster Werk sogar von der Hand jenes Meisters in der Nachfolge des Marientod-Ateliers von Ptujska gora, der um 1420 auch eine hölzerne heilige Dorothea in der Deutschordenskirche von Friesach geschaffen hat. Das Schutzmantelmadonnen-Motiv ist in den beiden Ritterorden und besonders bei den Johannitern im Zusammenhang mit der Verteidigung gegen die Türken sehr verbreitet gewesen.
Das stark fragmentierte Tympanonrelief besteht heute aus insgesamt vier unterschiedlich großen Skulpturengruppen. Die Madonnenfigur in der Mitte ist stark überarbeitet, an den Seitenteilen mit den um Schutz Flehenden wurden bei der jüngsten Restaurierung durch das Bundesdenkmalamt originale Steinfassungen aus der Entstehungszeit und mehrere spätere Übermalungen festgestellt. Künstlerisch überzeugt vor allem der reife, tief berührende Porträtrealismus in den Gesichtern der betenden Figuren.
Typologisch stellt die Pulster Schutzmantelmadonna eine um ein bis zwei Jahrzehnte jüngere Replik des Gnadenbilds am Presbyteriumsaltar der Wallfahrtskirche von Ptujska gora/Maria Neustift bei Ptuj/Pettau (Slowenien) dar. Laut Visitationsbericht des Gurker Domkapitels aus dem Jahr 1586 schmückte das steinerne Votivbild einst den Hochaltar der Johanniterordenskirche Pulst.


Robert Wlattnig


Literatur: Gotik in Slowenien. Katalog zur Ausstellung der Narodna Galerija, Ljubljana, 1. Juni bis 1. Oktober 1995. Hrsg. von Narodna Galerija Ljubljana (Ljubljana 1995), Nr. 77, S. 171f.
Schatz und Schicksal. Steirische Landesausstellung 1996 in Neuberg an der Mürz vom 4. Mai bis 27. Oktober 1996. Hrsg. von Otto Fraydenegg-Monzello (Graz 1996), Nr. 150.
Robert L. DAUBER, Der Johanniter-Malteser-Orden in Österreich und Mitteleuropa, Bd. 2 (Wien 1998), S. 437ff.