"Gefälschte" Urkunde

"Gefälschte" Urkunde

In: Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 2001. Bd. II: Katalog (Die Stadt im Mittelalter. Eine kulturhistorische Ausstellung im Fürstenhof zu Friesach 2001). Herausgegeben vom Land Kärnten. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Günther Hödl. Redigiert von Barbara Maier. – Klagenfurt: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung Kultur 2001. 311. 8°. Objekt-Nr.: 04.05, S. 66.

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Leihgeber: Kärntner Landesarchiv (Klagenfurt, Kärnten), Allgemeine Urkundenreihe, 1130 X 18

© Kärntner Landesarchiv, Klagenfurt (Alfons Poschinger)


Würzburg, 18. Oktober 1130; Gurker Fälschung von 1172/1176
Höhe 47,5 cm, Breite 49,5 cm; Pergament, eingehängtes Siegel

Das (Ver-)Fälschen von Urkunden, also Textänderungen zu eigenen Gunsten, war im Mittelalter eine oft angewandte Methode zur Sicherung "althergebrachter" Rechte und Besitzstände, über die keine Beurkundungen vorlagen.
Die vorliegende, in der Kanzlei der Gurker Bischöfe zwischen 1172 und 1176 verfälschte Königsurkunde beschreibt die Entstehung der Stadt Friesach durch Siedlungsverlegung und Gründung eines salzburgisch-gurkerischen Doppelmarktes, in dem der Erzbischof allerdings bald die gesamte Macht an sich riss.
Nach dem Ende des Investiturstreites wurde der Gurker Markt Friesach am linken Metnitzufer unweit von Grafendorf zerstört und mit dem salzburgischen Friesach am Fuße des Petersberges vereinigt. Dadurch wurde auch das königliche Marktprivileg des Jahres 1016 auf die neue Siedlung übertragen. König Lothar bestätigt diese Siedlungsverlegung im Jahre 1130. Die Grenze zwischen der nördlichen Salzburger und der südlichen Gurker Markthälfte verlief nach dem Wortlaut dieser Urkunde von der Mitte der beiden Altäre der Kirche St. Peter direkt zur Metnitz. Das Zentrum des salzburgischen Marktes lag demnach im Bereich des Fürstenhofs, jenes des Gurker Marktes Friesach unterhalb des Virgilienberges. Beiden Bischöfen stand das Recht zu, in ihren Markthälften eigene Richter und Mautner einzusetzen.
Die echte Urkunde König Lothars wurde von der Kanzlei der Gurker Bischöfe in den Jahren zwischen 1172 und 1176 umgeschrieben und textlich erweitert. Interpoliert wurden vor allem die Passagen über die Schenkung der Bergwerke und Salinen (erfolgte erst 1170 durch Kaiser Friedrich I.), weiters die Bestimmung, dass der Gurker Bischof die Markt-, Münz- und Zollrechte an einen beliebigen anderen Ort verlegen dürfe, falls der Salzburger Erzbischof Friesach ganz in seine ausschließliche Gewalt bringe. Das echte Siegel König Lothars wurde vom vernichteten Original abgelöst und für die Fälschung wiederverwendet.


Wilhelm Wadl


Literatur: Monumenta historica ducatus Carinthiae I, Nr. 58, und Ergänzungsheft, S. 8 (Edition und Kommentar).
Wilhelm WADL, Friesachs historische Entwicklung. In: Die profanen Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Friesach. Bearb. von Barbara Kienzl. Red. von Ulrike Steiner (= Österreichische Kunsttopographie 51, Wien 1991), S. 7ff.