Christines "Stadt der Frauen"

Christines "Stadt der Frauen"

In: Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 2001. Bd. II: Katalog (Die Stadt im Mittelalter. Eine kulturhistorische Ausstellung im Fürstenhof zu Friesach 2001). Herausgegeben vom Land Kärnten. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Günther Hödl. Redigiert von Barbara Maier. – Klagenfurt: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung Kultur 2001. 311. 8°. Objekt-Nr.: 02.13, S. 33.

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Leihgeber: Österreichische Nationalbibliothek (Wien), Handschriften-, Autographen- und Nachlass-Sammlung, Codex 2605
Christines

© Österreichische Nationalbibliothek, Wien


Normandie (?), um 1470
Höhe 26,5 cm, Breite 19,2 cm; Pergamenthandschrift, I, 173, l* Blatt

Christine de Pisan gilt als die erste berufsmäßige Schriftstellerin und als eine der bedeutendsten Frauengestalten des europäischen Spätmittelalters. Die Miniatur zeigt sie beim Bau ihres utopischen Modells einer "Stadt der Frauen".
1365 in Venedig geboren, kam Christine mit ihrem gelehrten Vater Thomas von Bologna († 1385), der schon früh ihre Begabung erkannte und sie – unüblicherweise – sehr förderte, 1368 an den Hof König Karls V. von Frankreich. Seit 1380 führte sie mit dem Notar und königlichen Sekretär Etienne du Castel bis zu dessen Tod 1390 eine vorbildliche, aus ihrer Sicht ideale Ehe. Ab 1390 musste sie ihre Familie (einen Sohn, zwei Töchter und eine verwaiste Nichte) allein ernähren; sie tat dies mit Erfolg und – weil man sie um ihr Erbe bringen wollte – seit 1394 als Schriftstellerin und Dichterin. Sie widmete ihre teils prächtig ausgestatteten Werke adeligen Gönnern und konnte auf diese Weise tatsächlich ihren Lebensunterhalt bestreiten. 1418 zog sie sich in ein Kloster zurück, wo sie 1429/30 auch starb, nicht ohne zuvor noch mit einem sehr erfolgreichen Gedicht auf Jeanne d'Arc hervorzutreten. Dieses Werk wurde maßgeblich für den Kult und die Verehrung des Mädchens aus Domremy und seine Stellung als französische Nationalheilige.
Christine de Pisan hinterließ ein erstaunlich umfangreiches und vielseitiges Œuvre in Vers und Prosa. Erstmals in der französischen Literatur behandelt sie Fragen der Interpretation ("Querelle du Roman de la Rose"). In einem über 23.000 Verse umfassenden "Livre de la mutacion de la fortune" schildert die Dichterin, die hier die Möglichkeit einer irdischen Herrschaft der Vernunft erwägt, den Verlauf der Weltgeschichte, der Völker und der großen Herrscher. 1404 verherrlicht sie den französischen König als Inbegriff vollkommener Herrschaft und schreibt 1405 das "Buch von der Stadt der Frauen" nieder – gedacht als weiblicher Wunschraum, in dem eine utopische Gesellschaft zum Schutz der Frauen unter den Prinzipien von Vernunft, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit dargestellt und von diesen drei allegorischen Figuren angeleitet wird. Bis 1418 verfasste sie noch eine ganze Reihe moralphilosophischer, religiöser und politischer Schriften, die ihre ungewöhnliche Bildungsbreite und Belesenheit erweisen. Grundlage ihrer Schriften waren die zeitgenössischen Kompilationen des Wissens und die Übersetzungen klassischer Autoren, doch arbeitete sie das überlieferte Wissen für ihr Publikum auf die ihr eigene Weise auf, indem sie in die Synthese zugleich ihre persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen als Frau einbrachte. Die Rezeption ihrer Werke war eine breite und internationale, und sie war auch eine nachhaltige.
Die Miniatur (folio 67r) in der ausgestellten Handschrift der Österreichischen Nationalbibliothek, die einen vollständigen Text des "Livre de la Cité des Dames" enthält, zeigt den "Bau der Stadt der Frauen": Im Vordergrund kommt Christine den drei allegorischen Frauengestalten – Raison, Justice, Droiture – mit einem Behälter voll Mörtel entgegen. Werkleute beleben das Bildfeld bis zum Horizont.


Günther Hödl


Literatur: Christine de PIZAN, Das Buch von der Stadt der Frauen. Hrsg. v. Margarete Zimmermann (= Dtv 2220, 4. Aufl. München 1995).
D. BRIESEMEISTER, In: Lexikon des Mittelalters 2 (1983), Sp. 1918-1919.
Otto PÄCHT, Dagmar THASS, Französische Schule I: Textband (= Österr. Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse, Denkschriften 118, Wien 1974), S. 52f.