Tretradkran

Tretradkran

In: Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 2001. Bd. II: Katalog (Die Stadt im Mittelalter. Eine kulturhistorische Ausstellung im Fürstenhof zu Friesach 2001). Herausgegeben vom Land Kärnten. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Günther Hödl. Redigiert von Barbara Maier. – Klagenfurt: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung Kultur 2001. 311. 8°. Objekt-Nr.: 02.02, S. 26.

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Leihgeber: Oberhausmuseum Passau (Deutschland), 13770
Tretradkran

© Oberhausmuseum Passau (Dionys Asenkerschbaumer)


Modell im Maßstab 1:5.
Käfig: Höhe 85 cm, Breite 85 cm, Tiefe 67 cm, Tretrad: Durchmesser 70 cm, Mast: Höhe 140 cm, Durchmesser 9 cm, Ausleger: Länge 140 cm, Höhe 140 cm (über Boden); Holz; Modell nach Planzeichnungen von Heinrich Blumenthal 1998 von der Berufsschule Vilshofen (Bayern) angefertigt.

Ein Tretradkran gehörte zu den wichtigsten technischen Hilfsmitteln, ohne die eine mittelalterliche Großbaustelle undenkbar gewesen wäre; seine Funktionsweise ist genial einfach.
Das Tretrad mit einem Mindestdurchmesser von drei Meter ist beweglich in einer quadratischen Holzkonstruktion gelagert, welche die schwere Achse trägt. Zum Kranmasten hin ist die Radachse verlängert und dient als Windenkörper für das aufzuwickelnde Seil. Das Rad selbst wurde von ein bis zwei Bauarbeitern bedient, die darin liefen, das Rad in Bewegung setzten, das Seil aufwickelten und die daran befestigten Baumaterialien über den schwenkbar montierten Masten und Ausleger nach oben zogen oder herunterließen. Von dieser Prozedur abgeleitet ist unser Ausdruck Tretmühle. Die so genannten Radläufer, die den Kran bedienten, gehörten zu den am besten bezahlten Arbeitern auf mittelalterlichen Baustellen.
Welche Bedeutung schon die Zeitgenossen dem Tretradkran beimaßen, zeigt sich an vielen Illustrationen mittelalterlicher Kodices. Für die Rekonstruktion wurde vor allem auf die Abbildung in der 1383 erstellten Handschrift der Weltchronik Rudolfs von Ems zurückgegriffen. Der Tretradkran in einem Turm des unvollendeten Doms wurde geradezu zum Wahrzeichen der Stadt Köln. Bekannt sind auch die Lastenkräne im Moselhafen der Stadt Trier, die in Rundtürme schwenkbar eingebracht Schwerlasten aus den Schiffen hoben.
Das Leistungsvermögen der Tretradkräne ist erstaunlich. Versuche mit der Rekonstruktion - für das Oberhausmuseum Passau wurde nicht nur ein Modell, sondern auch ein funktionsfähiger Kran im Maßstab 1: 1 erstellt - ergaben, dass ein Radläufer mit einem Körpergewicht von 75 Kilogramm einen Steinquader mit etwa einer Tonne in rund drei Minuten neun Meter hoch heben kann.


Richard Loibl


Literatur: Ritterburg und Fürstenschloß. Ausstellung von Stadt und Diözese Passau im Oberhausmuseum Passau 1998, Bd. 1: Geschichte. Hrsg. von Herbert W. Wurster, Richard Loibl (Passau/Regensburg 1998), S. 53 (A. Hofstetter).
Günther BINDING, Norbert NUSSBAUM, Der mittelalterliche Baubetrieb nördlich der Alpen in zeitgenössischen Darstellungen (Darmstadt 1978), S. 69-79.
Jean GIMPEL, Die Kathedralenbauer (Holm 1996), S. 37.
Karl-Heinz LUDWIG, Technik im Hohen Mittelalter zwischen 1000 und 1350/1400. In: Propyläen Technikgeschichte. Hrsg. von Wolfgang König, Bd. 2 (Berlin 1997), S. 166f.