Herzog Leopold VI.

Herzog Leopold VI.

In: 1000 Jahre Babenberger in Österreich. Katalog der Niederösterreichischen Jubiläumsausstellung im Stift Lilienfeld vom 15. Mai bis 31. Oktober 1976. Veranstaltet vom Bundesland Niederösterreich. Bearbeitet von Erich Zöllner, Karl Gutkas, Gottfried Stangler, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 66. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1976. XXIII, 774. 8°. Objekt-Nr.: 468, S. 348.

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Leihgeber: Stadtpfarrkirche Steyr (Oberösterreich)
Herzog Leopold VI.

© Bundesdenkmalamt, Wien


Glasfenster, um 1300.
Höhe 1,65 m, Breite 0,54 m.
Inschrift: DVX. LEUPOLDVS.

Die Identifizierung des Herzogs ist durch das Kirchenmodell zu seinen Füßen gegeben; obwohl kein Architekturporträt im strengen Sinn, ist es doch durch das markante Motiv der Strebepfeiler am Querschiff und das westlich anschließende Hallenjoch eindeutig als das der Stiftskirche von Lilienfeld zu erkennen, also jener Zisterze, die von Leopold VI. gegründet wurde.
Der in strenger Frontalansicht wiedergegebene Fürst stützt die Linke auf das mit einer Binde umwickelte Schwert; die Rechte greift mit der stereotypen ritterlichen Geste an die Mantelschließe. In der Kleidung ist besondere Pracht demonstriert: verschiedenfarbiger, als Seidendamast zu deutender Surcôt, pelzverbrämter Mantel mit großen Schließen, denen Bindenschilde aufgelegt sind. Der Herzogshut gleicht mit seiner Mittelborte eher den Markgrafen- bzw. Herzogshüten in Heiligenkreuz als in Klosterneuburg. In der Bekrönung der schlanken Arkadenrahmung verschmilzt der traditionelle "Stadtbaldachin" mit zeitgemäßen gotischen Architekturformen.
Der Kopf des Herzogs ist, zweifellos in Anlehnung an das Original, erneuert; ergänzt sind auch Teile des Kirchenmodells.
Die Herkunft des Glasgemäldes und der mit ihm in Steyr eingebauten Darstellungen (Agnes und Reste eines Christuszyklus) läßt sich nur bis nach Laxenburg zurückverfolgen, wo sie bis 1884 deponiert waren. Für die zumeist vertretene Provenienz aus Lilienfeld sprechen zwar gewichtige Gründe, es lassen sich jedoch auch die Gegenargumente nicht übersehen: das zweite aus diesem Zyklus in Steyr bewahrte Babenberger-Bildnis stellt die Markgräfin Agnes dar, die in der allerdings nicht mehr authentisch erhaltenen Inschrift abgekürzt als "f(undatrix) n(ostra)" bezeichnet ist, was ausschließlich für Klosterneuburg zutrifft.
Dort käme die von Leopold VI. erbaute, 1799 abgebrochene Capella speciosa, deren Bauteile ebenfalls nach Laxenburg gelangten, als ursprünglicher Standort in Frage. Hier wären auch profane Bildnisse von solch monumentalen Abmessungen eher zu erwarten als in einer Zisterzienserkirche.
Die Herkunft aus Lilienfeld wird außer durch die Ikonographie der Herzogsscheibe durch den Stil des Zyklus gestützt, der in einer jüngeren Glasgemäldegruppe aus der Lilienfelder Filiale Annaberg seine unmittelbare Fortsetzung findet.
Die Formensprache ist noch dem Zacken-, aber auch schon dem schönlinigen Stil der westlichen Gotik verpflichtet.


Eva Frodl-Kraft


Literatur: Franz KIESLINGER, Gotische Glasmalerei in Österreich bis 1450 (= Denkmäler deutscher Kunst 3, 2, Zürich/Leipzig/Wien 1928), S. 62f., T. 28.
Die Gotik in Niederösterreich. Kunst und Kultur einer Landschaft im Spätmittelalter. Katalog der Ausstellung in der Minoritenkirche in Krems-Stein vom 21. Mai bis 18. Oktober 1959. Ausstellungs- u. Schriftleitung Fritz Dworschak (Wien 1959), S. 57f., Nr. 141.
Eva FRODL-KRAFT, Ein Glasgemäldezyklus um 1300. In: Alte und neue Kunst 4 (1959), S. 12-14.
Gottfried BIEDERMANN, Studien zur österreichischen Glasmalerei des 14. Jahrhunderts. Zum Oeuvre des sogenannten "Annaberger Meisters" (Maschinschriftl. Diss., Univ. Salzburg 1970).
Eva FRODL-KRAFT, Die mittelalterlichen Glasgemaelde in Niederösterreich, Bd. 1: Albrechtsberg bis Klosterneuburg (= Corpus vitrearum medii aevi. Österreich 2, Wien [u.a.] 1972), S. XXIXf.