Die Georgenberger Handfeste

Die Georgenberger Handfeste

In: 1000 Jahre Babenberger in Österreich. Katalog der Niederösterreichischen Jubiläumsausstellung im Stift Lilienfeld vom 15. Mai bis 31. Oktober 1976. Veranstaltet vom Bundesland Niederösterreich. Bearbeitet von Erich Zöllner, Karl Gutkas, Gottfried Stangler, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 66. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1976. XXIII, 774. 8°. Objekt-Nr.: 413, S. 319.

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Leihgeber: Steiermärkisches Landesarchiv (Graz, Steiermark)
Die Georgenberger Handfeste

© Foto Herbert Fasching, Wilhelmsburg


Original Pergament-Urkunde (38,5 x 54 cm), Enns 1186 August 17, links Siegel Herzog Leopolds, rechts Siegel Herzog Otakars, beide an roten Seidenfäden, schlecht erhalten.

Die Reinschrift der Handschrift in diplomatischer Urkundenminuskel ist nicht in einem Zuge und nicht von einer Hand vorgenommen worden. An zwei Stellen der Disposition sind ganze Sätze nachträglich von zweiter Hand in vom Schreiber vermutlich freigelassenen Raum eingefügt worden. Daraus und aus anderem ergibt sich, daß die Niederschrift des Originals nicht erst unmittelbar vor der Aushändigung an den Empfänger erfolgte und daß kurz vorher noch Korrekturen vorgenommen wurden. Weiters sind drei Nachträge eingefügt worden: 1. Unmittelbar an den vorletzten Zeugennamen anschließend von anderer Hand und Tinte (Zeile vier von unten) : Eberhart de Erlah. Und weiter ab preteria adicimus bis patrata sunt. Diese Ergänzung ist vermutlich in den Jahren 1186 bis 1190 erfolgt, doch ist eine fälschende Absicht nicht erkennbar. 2. Durch ein Kreuz und das Wort deest in Zeile 9 nach litigantibus wird auf einen Nachtrag aufmerksam gemacht, der durch ein gleichartiges Kreuzzeichen und die Worte hic est in Zeile zwei von unten eingefügt ist. Hier heißt es, die steirischen Ministerialen sollen der herzoglichen Verleihungen auch dann nicht verlustig gehen, wenn der Herzog die Gnade des Reiches verlieren sollte. Offenbar wird hier auf die Ächtung Friedrichs II. im Juni 1236 angespielt. Die Ministerialen dürften diesen Nachtrag daher nach der Ächtung des Herzogs in den Konfliktsjahren 1236 bis 1239 eigenmächtig hinzugefügt haben. 3. Von noch jüngerer Hand stammt der dritte Nachtrag, der die zweite Hälfte der letzten Zeile füllt und folgendermaßen lautet: Si dux idem sine filio decesserit, ministeriales nostri ad quemcumque velint divertant ("Wenn derselbe Herzog söhnelos stirbt, mögen sich unsere Ministerialen an wen immer sie wollen wenden"). Die dritte Interpolation, die eindeutig eine Fälschung ist, doch den tatsächlichen Verhältnissen dieser Zeit entspricht, ist in die Jahre 1249 bis 1251 zu setzen. Sie dürfte ebenfalls von den Ministerialen hergestellt worden sein, um eine kaiserliche Bestätigung ihres Anspruchs auf das Recht der Wahl eines Landesherrn vorweisen zu können. Fälscher dürfte Ulrich von Wildon gewesen sein.
Das Original der Georgenberger Handfeste dürfte einem Angehörigen eines der ersten Ministerialengeschlechter des Landes ausgehändigt worden sein, vermutlich einem Wildonier.
Die Georgenberger Handfeste ist eines der wichtigsten Dokumente nicht nur der steirischen, sondern auch der älteren österreichischen Geschichte, da sie die Rechtsgrundlage für die Vereinigung der Länder Österreich und Steiermark bildet, die nach dem Tode des steirischen Herzogs Otakar im Jahre 1192 vollzogen wurde. Dadurch wurde ja der Beginn der Vereinigung der Ostalpenländer unter einem Herrscherhaus eingeleitet und damit auch die Grundlage des heutigen Österreich geschaffen. Auf Grund dieser Handfeste erfolgte, nachdem Otakar am 8. Mai 1192 verstorben war, noch im selben Monat durch Kaiser Heinrich VI. die Belehnung Herzog Leopolds V. von Österreich mit dem Herzogtum Steiermark auf dem Reichstag von Worms.
Da Herzog Otakar unheilbar an Aussatz erkrankt war und keine Kinder zu erwarten hatte, setzte er, sollte er ohne Nachkommenschaft sterben, nach Beratung mit den Vornehmeren von den Seinen seinen Blutsverwandten Herzog Leopold von Österreich zum Nachfolger ein. Um seine Ministerialen und Provinzialen vor der Gewissenlosigkeit und Grausamkeit eines Nachfolgers Herzog Leopolds zu schützen, habe er sich auf Bitten der Seinen veranlaßt gefunden, ihre Rechte schriftlich aufzuzeichnen und durch ein Privileg zu verbürgen.
Die Handfeste ist also ein Privileg für die Ministerialen und auf Bitten der Empfänger ausgestellt worden, was im Text ausdrücklich zweimal ausgesprochen ist. Die Sicherstellung der Rechte der Ministerialen ist also das Motiv für die Ausstellung der Handfeste.
Auf Grund der rechtsgeschichtlichen Deutung des Vertrages nahm man früher an, der Vertrag mit dem Babenberger könne sich nur auf das Allod (= Eigen) bzw. auf die Herrschaftsrechte über die Ministerialen und Einschildritter sowie auf die Kirchenvogteien beziehen, nicht auf das Herzogtum als Fürstenamt und Reichslehen.
Dem gegenüber betont Appelt, daß sich die rechtlichen Bestimmungen der beiden Urkunden nicht auf die Sphäre des Privatrechts beschränken, sondern daß auch von der Landesherrschaft die Rede ist. Auch stehe keineswegs die Vergabe der Allodien im Mittelpunkt, sondern die Übertragung der Herrschaftsrechte über die Ministerialität, denn die Abtretung eines Landes sei im Mittelalter gleichbedeutend mit der Abtretung der Vasallen.
Es handelt sich also um die Übertragung aller herrschaftlichen Rechte der Traungauer mit Ausnahme des Fürstenamtes, das durch Belehnung seitens des Kaisers hinzutreten sollte, dem Babenberger aber durch den Akt der Designation in Aussicht gestellt wurde.
Die Handfeste ist aber nicht nur ein Privileg für die Ministerialen, sondern betrifft auch die Kirche, besonders die Klöster.
Von einer Verfügung zum Besten der Kirche erfahren wir durch das sogenannte kleine Georgenberger Patent, einer vom selben Tage datierten kürzeren Urkunde, in der Otakar von der Regelung der Nachfolge und der Übertragung der Ministerialen Kunde gibt (Babenberger Urkundenbuch I Nr. 66, StUB I, Nr. 678).
Das Patent sollte offenbar zur Benachrichtigung der Kirche und Klöster dienen. Neben der Hervorhebung, daß die Rechte der Ministerialen und unfreien Ritter unverbrüchlich zu bewahren seien, wird eine zu Gunsten der Kirche getroffene Bestimmung bekanntgegeben, nämlich die Vorbehaltung von 500 Huben zur Vergabung für sein Seelenheil. Außerdem erklärte der Herzog, er werde alles durch seinen Vater oder ihn Klöstern Vorenthaltene zurückgeben, sobald entsprechende Vorstellungen erhoben würden. Diese Urkunde befindet sich im Original im Stiftsarchiv in Vorau.




Literatur: Abb.: A. Muchar, Geschichte der Steiermark, Bd. 4 1848, zu Seite 521 (Faksimile); Die Steiermark, Land, Leute, Leistung, 1. Aufl. 1956, zu Seite 112, 2. Aufl. 1971, zu Seite 336. Drucke: Neuester Abdruck im 1. Band des Urkundenbuchs zur Geschichte der Babenberger in Österreich, bearb. von H. Fichtenau und E. Zöllner 1950, Nr. 65. Die zahlreichen älteren Drucke sind im Babenberger Urkundenbuch, 1. Bd. Seite 86 angeführt. Deutsche Übersetzung: A. Muchar, Geschichte der Steiermark, Bd. 4, 1848, Seite 521. LIT.: über die zahlreiche Literatur vergleiche das Babenberger Urkundenbuch 1. Bd. Seite 86 ff.; H. Appelt, Zur diplomatischen Kritik der Georgenberger Handfeste, MIÖG 58. Bd., 1950, S. 97ff.