Kuenringer-Stammbaum aus dem Zwettler Stiftungsbuch

Kuenringer-Stammbaum aus dem Zwettler Stiftungsbuch

In: 1000 Jahre Babenberger in Österreich. Katalog der Niederösterreichischen Jubiläumsausstellung im Stift Lilienfeld vom 15. Mai bis 31. Oktober 1976. Veranstaltet vom Bundesland Niederösterreich. Bearbeitet von Erich Zöllner, Karl Gutkas, Gottfried Stangler, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 66. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1976. XXIII, 774. 8°. Objekt-Nr.: 348, S. 294.

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Leihgeber: Zisterzienserstift Zwettl (Niederösterreich), Stiftsarchiv, Hs. 2/1 (alte Signatur : Hs, 3), fol. 8r
Kuenringer-Stammbaum aus dem Zwettler Stiftungsbuch

© Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit, Krems


Großdia.
Ganzseitige Miniatur in Federzeichnung und Deckfarbenmalerei. 395 x 235. Arbeit einer führenden Kraft eines profanen Ateliers aus dem Wiener Raum, 1311.

Die von einem schlichten Rahmen begrenzte Miniatur ist in vier untereinanderliegende Bildstreifen gegliedert, die durch die dazugehörigen Schriftbänder getrennt sind:
1. Zwei Medaillons, im linken: Azzo von Hezzmannswiesen-Gobatsburg (gestorben ca. 1100), der Stammvater der Kuenringer, stehend mit drei Knappen; im rechten: sitzend die beiden Babenberger Erzbischof Poppo von Trier (1016-1047) und Markgraf Leopold II. von Österreich (1075-1095), die hier fälschlich als Brüder bezeichnet werden. Der Erzbischof weist mit folgenden Worten auf Azzo: "Ich enphfilich dier Atzen den lieben Oheim mein. Der schol dier enphfolhen sein."
Der Sage nach soll Leopold II. an Poppo mit der Bitte um Unterstützung gegen die einfallenden Böhmen herangetreten sein. Poppo habe daraufhin eine Anzahl von Kriegern unter der Führung seines Verwandten Azzo zu Leopold II. gesandt. Diese Darstellung hielt bereits der historischen Kritik des 19. Jahrhunderts nicht stand: vgl. Edmund Friess, Die Herren von Kuenring (1874) 1ff.
2. Drei Medaillons mit den sitzenden Figuren der Söhne Azzos: Anshalm von Hezzmannswiesen-Brunn (gestorben ca. 1137), Nizzo (gestorben vor 1114) und Albero I. (gestorben ca. 1118), von dem alle späteren Kuenringer abstammen. Vgl. Friess, Kuenringer 9 ff., 12 f. und 14 f.
3. Vier Medaillons. In den beiden linken: Nizzos Sohn Hadmar I. von Kuenring (gestorben 27. Mai 1138), der Gründer Zwettls, und seine Gattin Gertrud; der Kuenringer hält, gemeinsam mit seiner Frau, das Modell der Stiftskirche in Händen. In den beiden rechten: der Pfarrer Pilgrim von Zwettl (gestorben 1166), ein Bruder Hadmars I., und Albero III. von Kuenring (gestorben 1182), ein Sohn Alberos I., mit den Modellen der Burg und der Pfarrkirche von Kuenring; rechts davon der Wappenschild der Kuenringer, ein roter Ring in weißem Feld. Dieser Teil des Stammbaumes zeigt nur die für das Kloster Zwettl bedeutenden Kuenringer. Es fehlen vor allem zwei weitere Söhne Nizzos: Albero II. von Gobatsburg-Kuenring (gestorben ca. 1160) und Dietmar von Kuenring (gestorben nach 1114), aber auch die vier Brüder Alberos III. : Heinrich I. von Kuenring-Stronsdorf-Zebing (gestorben nach 1160), Heinrich II. von Kuenring-Guntramsdorf (gestorben ca. 1177), Rapoto von Kuenring-Schönberg (gestorben ca. 1176) und Otto von Gobatsburg-Purchartsdorf (gestorben ca. 1183). Vgl. Friess, Kuenringer 15-34.
4. Links zwei Wappenschilde "Von Sahsen" und "Von dem Achkswald"; rechts in zwei Medaillons Hadmar II. von Kuenring-Weitra (gestorben 1217) und Gisela von Sunnberg (gestorben nach 1192), die Kinder Alberos III.
Hadmar II., der mächtigste und berühmteste der Kuenringer, erwies sich dem Kloster Zwettl besonders wohltätig; er wird deshalb auch als zweiter Stifter bezeichnet. Seine Schwester Gisela heiratete Leutwin von Sunnberg, einen hervorragenden österreichischen Ministerialen.
Die Idealdarstellungen im Inneren der Medaillons auf Goldgrund. Verwandte, etwa gleichzeitige Arbeiten sind in Klosterneuburg zu finden. Siehe auch Katalognummer 347.



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Literatur: Die Kuenringer. Das Werden des Landes Niederösterreich. Niederösterreichische Landesausstellung im Stift Zwettl, vom 16. Mai bis 26. Oktober 1981. Red. von Herwig Wolfram, Karl Brunner, Gottfried Stangler (= Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums 110, Wien 1981), S. 176.
Michael TANGL, Studien über das Stiftungsbuch des Klosters Zwettl. In: Archiv für österreichische Geschichte 76 (1890), S. 261ff.
Karl UHLIRZ, Zwettl, Stiftsarchiv. Bärenhaut, Mon. pal. Ser. II, Lief. XVI, Tafel 1 (Tafel 391 des Gesamtwerkes).
H. JERCHEL, Die ober- und niederösterreichische Buchmalerei der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. In: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien NF 6 (1932), S. 28ff., 54 und Abb. 35, 36.
Die Kunstdenkmäler des Zisterzienserklosters Zwettl. Bearb. von Paul Buberl (= Österreichische Kunsttopographie 29, Baden bei Wien 1940), S. 184ff. Und Abb. 24, 25, 234, 235.
Alphons LHOTSKY, Quellenkunde zur mittelalterlichen Geschichte Österreichs (= Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung Erg.-Bd. 19, Graz/Köln 1963), S. 244ff.
Gerhard SCHMIDT, Der Codex 650 A der Stiftsbibliothek und die Klosterneuburger Buchmalerei des frühen 14. Jahrhunderts. In: Festschrift für Alphons Lhotsky. 1. Teil (= Jahrbuch des Stiftes Klosterneuburg NF 3, Klosterneuburg 1963), S. 184f., 189, 191, Abb. 33, 40.
Gerhard SCHMIDT, Buchmalerei. In: Gotik in Österreich. Ausstellung, veranstaltet von der Stadt Krems an der Donau. 19. Mai bis 15. Oktober 1967, Minoritenkirche Krems-Stein, Niederösterreich. Unter der Schriftleitung von Harry Kühnel. Hrsg. Stadt Krems an der Donau (Krems an der Donau 1967), S. 142.
J. KASTNER, Historiae fundationum monasteriorum. In: Münchener Beiträge zur Mediävistik und Renaissance-Forschung 18 (1974), S. 143-149.