Faltstuhl (Faldistorium)

Faltstuhl (Faldistorium)

In: 1000 Jahre Babenberger in Österreich. Katalog der Niederösterreichischen Jubiläumsausstellung im Stift Lilienfeld vom 15. Mai bis 31. Oktober 1976. Veranstaltet vom Bundesland Niederösterreich. Bearbeitet von Erich Zöllner, Karl Gutkas, Gottfried Stangler, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 66. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1976. XXIII, 774. 8°. Objekt-Nr.: 1109, S. 603.

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Leihgeber: MAK, Österreichisches Museum für angewandte Kunst (Wien)
Faltstuhl (Faldistorium)

© MAK, Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien


Salzburgisch, 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts.
Holz mit roter, grüner, gelber und weißer Fassung. Ein Scherenholz und ein Steg sind moderne Ergänzungen in schematischer Form. Die ursprünglichen Scherenhölzer sind an den Innenseiten mit schmiedeeisernen Verstärkungen beschlagen.
Höhe 61 cm, Breite 64 cm, Tiefe 41 cm, Spannweite 50 cm.

Geschweifte Scherenhölzer mit reicher Schnitzerei. An den beiden Schauseiten abwechselnd Ranken und Kreisrosetten, in der oberen Hälfte der Scherenhölzer drei, in der unteren Hälfte zwei. Die Kanten durch Zackenbänder oder gedrehte Schnüre betont. Die übrigen Flächen mit durchlaufenden, verschiedenartigen Ranken- und Blattbildungen verziert. Die Scherenhölzer endigen oben anstelle von Knäufen in stilisierte Löwenköpfe, die Fußenden sind als Köpfe von drachenähnlichen Fabeltieren mit breiten Schnäbeln geschnitzt. Anhaltspunkte für die Feststellung von Vorbildern und für die Datierung bieten die wulstigen Augenbrauen und die blattförmigen Ohren sowie die scharfen Falten auf den Schnauzen der Löwen und die breiten, schnabelartigen Drachenmäuler. Ähnliche Formen finden sich an bronzenen Leuchtern und Aquamanilen des ausgehenden 12. Jahrhunderts.
Es lag nahe, sich bei derartigen Gegenständen Anregungen für die Gestaltung der Knäufe und Füße zu holen, da diese bei anderen Faltstühlen gewiß oft in Metall ausgeführt wurden. Auch die geschnitzten Wellenranken mit lappigen Blättern, die Palmetten, Halbpalmetten und Lilien wiederholen Motive, die in der Buchmalerei der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts zur Verzierung der Bildeinfassungen und der Initialen sowie in der Glasmalerei der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts als Flächenschmuck vorkommen (Kreuzgangfenster in Stift Heiligenkreuz).
Die zoomorphe Interpretation des Sitzmöbels mit Tierköpfen läßt sich bis in die vorderorientalischen Hochkulturen und die griechisch-römische Kunst zurückverfolgen. Doch kommt den Tierdarstellungen neben dem dekorativen Zweck vor allem symbolische, bzw. apotropäische, d. h. Unheil abwehrende Bedeutung zu. Die Löwenköpfe, Sinnbilder herrscherlicher Macht, aber auch als Symbole Christi zu deuten, weisen auf Amt und Weihe des Abtes hin und sollten ihn, dem der Faltstuhl als Thronsitz diente, beschützen. Schon im Altertum wurden Löwendarstellungen zum Schmuck von Herrschersitzen verwendet, wie aus der biblischen Beschreibung des Thrones von König Salomon hervorgeht. Die Drachenköpfe verkörpern das Böse, das zu Boden gezwungen wird.
Der verbliebene Steg erweist sich als eine spätere Zutat, da er neben dem Stiftswappen (zweites Kreisfeld von links) das Wappen des Abtes Johann von Trauttmansdorff (1466-1481, zweites Kreisfeld von rechts) zeigt. Diese Ergänzung beweist, daß der Faltstuhl noch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Gebrauch stand und als altehrwürdiges Insigne so sehr geschätzt wurde, daß der Abt für seine Erhaltung und weitere Verwendung Vorsorge traf.
Zunächst ist grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Faltstühlen, die dem Gebrauchsmobiliar zuzuordnen sind, und solchen, die infolge ganz bestimmter Umstände die Bedeutung von Insignien erlangten. Die ersteren gehören seit den frühen Kulturen des Altertums und seit der griechisch-römischen Antike zum festen Bestand der allgemein üblichen Hauseinrichtung und finden sich daher - je nach Bedarf und Anlaß - sowohl unter dem einfachen Hausrat als auch unter den kostbar ausgeführten Prunkmöbeln. Mit dieser ersten Gruppe hat das Admonter Beispiel nichts zu tun, vielmehr vertritt es auf eindrucksvolle Weise jene zweite Kategorie von Faltstühlen, denen die Bestimmung als Insigne, als Herrschaftszeichen, zukommt. Unter den Insignien der kirchlichen Hierarchie zählt der Faltstuhl, das Faldistorium, noch heute zusammen mit der Mitra, dem Hirtenstab (Pedum), dem Brustkreuz (Pectorale) und dem Ring zu den Pontifikalien, den Würdezeichen des Bischofs und des Abtes. Ähnlich verhielt es sich einst auch im profanen Bereich, wo das Faldistorium nur den höchsten Repräsentanten der weltlichen Macht, dem Kaiser und den Königen, als eines der Zeichen ihres Ranges vorbehalten war, wie aus zahlreichen Darstellungen der Buchmalerei ersichtlich ist. Diese Bedeutung des Faltstuhls und die daraus sich ergebende Funktion als Würdesitz beruht auf einer in die Antike zurückreichenden Tradition. Ein Faldistorium, die sogenannte sella curulis, hatte in römischer Frühzeit den Königen und später dann, in der Republik, den höchsten Beamten - den Konsuln, Prätoren und Decemvirn, um nur die wichtigsten zu nennen - bei Amtshandlungen als Sitz gedient, der nur ihnen allein zustand. Diese Gepflogenheit wurde von der Kirche für ihre Dignitäre ebenso übernommen, wie sie von den weltlichen Herrschern des Mittelalters beibehalten wurde. In Anbetracht des Ansehens, das dem Bischofsamt zukommt, stellt die Verleihung der Pontifikalien an einen Abt stets eine hohe Auszeichnung für das Kloster dar, zumal die Rangerhöhung fast immer nicht bloß für den betreffenden Oberen, sondern ebenso für seine Nachfolger Gültigkeit behält. Es lag daher nahe, daß gelegentlich auch die Faldistorien - ähnlich den übrigen Insignien - eine kostbare Ausführung erhielten. Wenn ein solcher Zeremonialstuhl seit dem Hochmittelalter erhalten bleiben konnte, ist das also nur dem damit verbundenen Pietätswert zuzuschreiben. Daraus erklärt sich auch, wieso Österreich in der glücklichen Lage ist, mit dem Faldistorium aus Admont und dem im Stift Nonnberg in Salzburg zwei so hervorragende Werke der Möbelkunst des 13. Jahrhunderts zu besitzen. Die Verleihung der Pontifikalien an den Abt von Admont und die Äbtissin von Nonnberg geht auf Erzbischof Eberhard II. von Salzburg (1200-1246) zurück, der in Rom für die genannten beiden Ordensoberen sowie für den Salzburger Dompropst und den Abt von St. Peter in Salzburg darum angesucht hatte. Für Abt Berthold von Admont wurde die Genehmigung von Papst Gregor IX. am 8. September 1230 erteilt, während die Äbtissin Gertraud von Nonnberg die Verleihungsurkunde am 2. Juni 1241 vom Salzburger Erzbischof ausgestellt erhielt. Aus stilistischen Gründen wäre die Annahme durchaus vertretbar, daß der Admonter Faltstuhl zum Zeitpunkt der Verleihung der Pontifikalien in das Kloster gelangte und eigens zu diesem Anlaß in Salzburg angefertigt wurde.


Franz Windisch-Graetz


Literatur: Hans WIDMANN, Urkunden und Regesten des Benedictinerinnen-Stiftes Nonnberg in Salzburg. In: Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburgische Landeskunde 35 (1895), Fortsetzung L-C, Reg. Nr. xx, S. 13, Anm. 2.
P. J. WICHNER, Das Benedictiner-Stift Admont in seinen Beziehungen zum Erzstifte und Lande Salzburg. In: Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburgische Landeskunde 36 (1896), S. 151.
Otto von FALKER, Ein romanischer Faltstuhl aus Admont. In: Pantheon 16 (1935), S. 374.
G. EGGER, Woher stammt der "Vorgesetzt"? In: Wiener Kurier, 16. Mai 1954, S. 12.
Peter von BALDASS, Walter BUCHOWIECKI, Wilhelm MRAZEK, Romanische Kunst in Österreich (Wien 1962), Tafel XXI, S. 110.
Romanische Kunst in Österreich. Ausstellung, veranstaltet von der Stadtgemeinde Krems an der Donau, 21. Mai bis 25. Oktober 1964, Minoritenkirche Krems-Stein. Redigiert von Harry Kühnel (Wien 1964), Kat. Nr. 180.
Leopold SCHMIDT, Amtsstühle und Würdesitze in ihrer alten Verbreitung und Geltung. In: Festschrift Matthias Zender (Bonn 1972), S. 680ff.