Falkensteiner Codex

Falkensteiner Codex

In: 1000 Jahre Babenberger in Österreich. Katalog der Niederösterreichischen Jubiläumsausstellung im Stift Lilienfeld vom 15. Mai bis 31. Oktober 1976. Veranstaltet vom Bundesland Niederösterreich. Bearbeitet von Erich Zöllner, Karl Gutkas, Gottfried Stangler, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 66. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1976. XXIII, 774. 8°. Objekt-Nr.: 1037, S. 567.

Zum Anfang   Zurück   Vorwärts   Zum Ende

Fenster schließen


Leihgeber: Bayerisches Hauptstaatsarchiv (München, Deutschland)
Falkensteiner Codex

© Bayerisches Hauptstaatsarchiv, München


Pergamenthandschrift mit Holzeinband.
27,5 x 18,5 cm.
Lateinisch und deutsch, 40 Folien, Kleinfolie, angelegt 1166, im Stift Herrenchiemsee, weitergeführt bis ca. 1196.
Signiert: Kl. Weyarn 1.
Titelbild des Grafen Siboto (oben) und Darstellung der Burg Herrenstein in Niederösterreich (unten).

Diese Handschrift stammt aus dem Besitz der oberbayerischen Grafenfamilie von Neuburg-Falkenstein, die auch in Niederösterreich begütert war. Sie nimmt innerhalb der Quellengattung der Traditionsbücher eine Sonderstellung ein. Während nämlich die übrigen Kodizes dieser Art sämtlich aus Klöstern oder Stiften stammen, handelt es sich hier um das einzige uns überlieferte Traditionsbuch einer weltlichen mittelalterlichen Grundherrschaft. Veranlaßt wurde die Handschrift durch Graf Siboto IV. von Falkenstein, der sie vor seinem Aufbruch zum vierten Italienzug Barbarossas im Herbst des Jahres 1166 von Kanonikern des Stiftes Herrenchiemsee anlegen ließ. Ihr ursprünglicher Zweck war es, der Sicherung des Familienbesitzes für die unmündigen Kinder Sibotos IV. zu dienen, falls der Graf nicht mehr aus Italien zurückkehren sollte. Sie umfaßte deshalb anfänglich vor allem eine Vormundschaftsbestellung für die unmündigen Kinder, ein Verzeichnis der gräflichen Lehen (Passivlehen) sowie eine Zusammenstellung des ausgedehnten Allodialbesitzes mit Angabe der jeweiligen Einkünfte. Später kamen Einträge über Rechtsgeschäfte aller Art, daneben weitere Aufstellungen von Erträgen und familiengeschichtliche Notizen hinzu. Als Rarität sei noch die Kopie eines geheimen Briefes erwähnt, in dem Siboto IV. seinen niederösterreichischen Dienstmann Ortwin von Merkenstein (GB. Baden) gegen großzügige Belohnung anweist, den Rudolf von Piesting (GB. Wiener-Neustadt) - einen Feind Sibotos - zu ermorden. Dieses Schreiben stellt einen der wenigen Privatbriefe dar, die von weltlichen Ausstellern aus dieser Zeit erhalten sind. Die Bedeutung des Falkensteiner Kodex beruht aber nicht nur auf seiner Herkunft und seinem Inhalt, sondern ebenso auf seinem Bilderschmuck von 25 teils einfarbigen, teils mehrfarbigen Federzeichnungen. Die bekannteste und künstlerisch wertvollste Miniatur befindet sich auf folio 1v und hat etwa die Größe einer halben Seite. In verschiedenen Schattierungen der Farben Rot, Violett und Braun gehalten, zeigt sie die Familie der Falkensteiner - Vater, Mutter und zwei Söhne - auf einer bankartigen Leiste sitzend. Die vier Personen halten ein Spruchband, dessen Text auf den Abschied Sibotos IV. von seiner Familie anspielt. Die Darstellung bemüht sich trotz deutlicher Anklänge an die Steifheit der älteren, nach byzantinischen Vorbildern orientierten Malweise bereits um lebensnahe und individuelle Züge. Sie gilt als das erste bekannte Familienbildnis in der mittelalterlichen Porträtmalerei Deutschlands. Vier weitere Miniaturen, nur halb so groß wie die eben besprochene, sind ausschließlich in den Farben Rot und Braun gehalten. Sie zeigen die vier Burgen der Falkensteiner und gehören zu dem bereits erwähnten Verzeichnis von Eigengütern. Dieses Urbar spiegelt nämlich in seinem Aufbau die verwaltungsmäßige Organisation des Besitzes wider, der in vier räumlich getrennte Komplexe mit jeweils einer Burg als Zentrum eingeteilt war. Dementsprechend gliedert sich auch das Urbar in vier Abschnitte, wobei stets eine Abbildung der namengebenden Burg an den Anfang gestellt ist. Als erstes erscheint Neuburg an der Mangfall (folio 2v) mit romanischer Bogenfront, zwei Türmen und Zinnenkranz. Darauf folgt Falkenstein am Inn (folio 6v), bestehend aus zwei turmartigen Gebäuden auf einem Hügel. In der Bildmitte sind zwei Falken als Anspielung auf den Namen zu sehen. Die dritte oberbayerische Burg war das Wasserschloß Hartmannsberg nordwestlich des Chiemsees. Die Darstellung (folio 11r) zeigt ein zinnenbewehrtes Bauwerk mit romanischer Bogenfront, umgeben von einem Weiher mit Fischen. An einem der Fenster ist ein Mann mit einer Angel zu erkennen. Den Abschluß dieser vier Miniaturen bildet die niederösterreichische Burg Hernstein (nordwestlich von Wiener-Neustadt; folio 14r), der einstige Mittelpunkt der Falkensteiner Besitzungen im Gebiet zwischen Piesting und Triesting. Zu sehen ist ein einfacher, zinnenbekrönter Wehr- und Wohnturm auf einem Hügel. Der an der rechten Seite erkennbare Zugang liegt aus Sicherheitsgründen etwas über dem Erdboden. Der Abhang wird von einem Weinberg bedeckt, in dem zwei Bauern mit Hacke und Messer an der Arbeit sind. Zwischen den Ranken steht ein fuchsähnliches Tier und frißt von den Trauben. Diese Zeichnung von Hernstein ist besonders bemerkenswert, weil es sich hier um die älteste individuelle Abbildung einer niederösterreichischen Burg handelt (vgl. J. Zahn in Bll. d. Ver. f. Landeskunde v. NÖ, NF 1 (1867) S. 173-179).
Die neben dem Familienporträt und den Burgabbildungen noch verbleibenden Darstellungen haben wesentlich kleineres Format und müssen als Randillustrationen bezeichnet werden. Sie sind fast alle wiederum zweifarbig in Rot und Braun gehalten und dienen der bildhaften Verdeutlichung des geschriebenen Textes. So erscheinen am Rande des Lehensverzeichnisses (folio7v) Herr und Vasall bei der Belehnungszeremonie. Neben einem Eintrag über die Bestellung eines Salmannes (folio 17r) ist der Grundeigentümer zu sehen, der dem Salmann einen symbolischen Gegenstand (Handschuh) zum Zeichen der Investitur überreicht. Bei der Notiz über das sogenannte "Hantgemal" ist eine ausgestreckte Hand zu erkennen (folio 2r). Besonders häufig sind diese kleinen Zeichnungen innerhalb des Urbars, wo sie jeweils neben den passenden Textabschnitten die einzelnen Kategorien von Abgaben illustrieren. Dementsprechend findet sich mehrmals ein Widder (folio 5, 9v, 12v, 16) beziehungsweise ein Schwein (folio 4, 10), ein andermal ein Bauer mit erhobener Axt, der eben im Begriffe ist, ein Schwein zu schlachten (folio 11). Des weiteren sieht man Bauern bei der Käsezubereitung (folio 5, 8v, 12v) und Männer mit Geldstücken, die sie als Zins abliefern (folio 12v, 14v). Innerhalb des auf Hernstein bezüglichen Abschnittes erscheint außerdem eine Weinranke mit Trauben neben einem Eintrag über Weinberge (folio 14). An anderer Stelle schließlich, wo von den Pflichten des Güterpropstes gesprochen wird, ist ein solcher Verwaltungsbeamter abgebildet (folio 9). Alle diese bis jetzt besprochenen Zeichnungen sind mehrfarbig und gehören zu dem ursprünglich von einem einzigen Schreiber angelegten Grundstock der Handschrift. Darüber hinaus finden sich im zweiten Teil des Kodex nur mehr drei einfarbig braune und wenig kunstvolle Randzeichnungen. Es handelt sich dabei einmal um die Darstellung einer Hand, die einen Zettel mit der Aufschrift "cyrographum" hält (folio 21). Der danebenstehende Eintrag berichtet über den Aufbewahrungsort zweier als "cyrographa" bezeichneter Urkunden. Zum anderen sind zwei sehr schematische Abbildungen von Burgkapellen (Hartmannsberg und Neuburg) neben dazugehörigen Kirchweihnotizen zu sehen (folio 37v). Diese drei einfarbigen Zeichnungen stammen zweifellos von den Schreibern der betreffenden Einträge. Alle übrigen Illustrationen aber, die zum Grundstock der Handschrift gehören, sind - mit Ausnahme des Familienbildnisses - sehr einheitlich in Farbe und Detail der Darstellung. Sie gehen mit ziemlicher Sicherheit auf den ersten Schreiber des Kodex zurück, der sich durch eine kalligraphische Schrift auszeichnet. Mit seinem Verschwinden bricht diese Art der Illustration ab. Ob ihm auch das künstlerisch und farblich herausgehobene Familienporträt zugeschrieben werden kann, muß dahingestellt bleiben. Alles in allem bietet der Bilderschmuck des Falkensteiner Kodex eine sehr reizvolle kulturgeschichtliche Ergänzung zum Text der Handschrift.




Literatur: Drei Bayerische Traditionsbücher aus dem XII. Jahrhundert. Festschrift zum 700jährigen Jubiläum der Wittelsbacher Thronbesteigung. Hrsg. von Hans Petz, Hermann Grauert, Joh. Mayerhofer (München 1880).
Moritz A. BECKER, Hernstein in Niederösterreich. Sein Gutsgebiet und das Land im weiteren Umkreise, 3 Bde. in 5 Tln (Wien 1882-1888); hier: Bd. 3,2.
Heinrich Gottfried Philipp GENGLER, Ein Blick auf das Rechtsleben Bayerns unter Herzog Otto I. von Wittelsbach. Zum 16. September 1880 (Erlangen 1880).
W. MORHART, Zur Abfassungszeit des Codex Falkensteinensis In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 9 (1936), S. 416-420.
Elisabeth NOICHL, Codex Falkensteinensis. Die Rechtsaufzeich- nungen des Grafen von Falkenstein. In: Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte 1976.
Karl RAMP, Studien zur Grundherrschaft Neuburg-Falkenstein auf Grund des "Codex diplomaticus Falkensteinensis" (Diss. München 1925).
Siegfried H. STEINBERG, Christine STEINBERG-VON PAPE, Die Bildnisse geistlicher und weltlicher Fürsten und Herren, Bd. 1: Von der Mitte des 10. bis zum Ende des 12. Jahrhunderts (Leipzig-Berlin 1931). Textband S. 74f. u. S. 133; Tafelband Abb. 75.
Wilhelm STÖRMER, Früher Adel. Studien zur politischen Führungsschicht im Fränkisch-deutschen Reich vom 8. bis 11. Jahrhundert, Teil 1 (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters 6, Stuttgart 1973), S. 147 bis 151.
G. UMLAUF, Grund und Boden im Codex Falkensteinensis. Besitz, Besitzrechte und Wirtschaftsführung (Ungedr. Diss. Wien 1935).