Die Gefangennahme Richard Löwenherz’

Die Gefangennahme Richard Löwenherz’

In: 1000 Jahre Babenberger in Österreich. Katalog der Niederösterreichischen Jubiläumsausstellung im Stift Lilienfeld vom 15. Mai bis 31. Oktober 1976. Veranstaltet vom Bundesland Niederösterreich. Bearbeitet von Erich Zöllner, Karl Gutkas, Gottfried Stangler, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 66. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1976. XXIII, 774. 8°. Objekt-Nr.: 636, S. 408.

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Leihgeber: Burgerbibliothek (Bern, Schweiz), ms. 120, fol. 129
Die Gefangennahme Richard Löwenherz’

© G. Howald, Bern


Lavierte Federzeichnung aus der Chronik des Petrus de Ebulo; illuminierte Pergamenthandschrift. Süditalien, um 1197, 34 x 21 cm.
Photo.

Im oberen Streifen der Darstellung wird der als Pilger verkleidete Richard Löwenherz von bewaffneten kaiserlichen Rittern festgenommen (illustris Rex Anglie a Jerosolimis rediens captus presentatur Augusto). In der zweiten Zone steht der englische König zunächst noch im Streitgespräch mit gezücktem Schwert Heinrich VI. gegenüber (Rex Anglie de morte Marchionis accusatur, quod abnegans se ensiva manu excusaturum promittit) und liegt dann, seines Pilgergewandes, das ein Diener trägt, entkleidet, dem deutschen Kaiser zu Füßen (Tandem veniam petens liber absolvitur).
Sowohl der Text als auch die Darstellung verschweigen die wirklichen Umstände der Gefangennahme in Österreich - auch das hohe Lösegeld, das Heinrich VI. zur Bedingung der Freilassung Richard Löwenherz' gemacht hatte, wird nicht erwähnt, und gestalten die Freigabe als einen Akt persönlicher Milde des staufischen Kaisers zu dessen Verherrlichung.
Die Darstellung der Proskynese als Übernahme eines byzantinischen Unterwerfungsgestus läßt sich vereinzelt ebenfalls in Miniaturen anderer, italienischer profaner Handschriften nachweisen, so der Bittszene Heinrichs IV. vor Mathilde von Tuszien in der Vita Mathildis des Donizo (Lucca, Bibl. Gov., ms. 2508, folio 28r) und einer Zeichnung des "Lotharius Rex", einer beneventanischen Handschrift der "Leges Langobardorum" aus dem frühen 11. Jahrhundert (Cava dei Tirreni, Kloster Santa Trinita, Codex 4, folio 238), die enge Parallelen zur Berner Miniatur erkennen läßt. Die Langobardenhandschrift wie der Ebulo Codex scheinen dabei auf analoges östliches Bildgut zurückgegriffen zu haben.
Auf der Flucht zu seinen Verwandten nach Sachsen sah sich Richard Löwenherz genötigt, auch vor Wien halt zu machen. Nach den Zwettler Annalen war dies in Erdberg (Erpurch prope Viennam) im heutigen dritten Wiener Gemeindebezirk. Über die Art der Gefangennahme des englischen Königs am 21. oder 22. Dezember 1192 gibt es verschiedene Theorien. Am wahrscheinlichsten ist, daß Richard gezwungen war, den deutschsprechenden Begleiter in die Stadt zu schicken, um Geld einzuwechseln und Lebensmittel zu kaufen. Da aber byzantinische Goldmünzen im damaligen Österreich eine ausgesprochene Seltenheit waren, erregte deren Besitz sicher beträchtliches Aufsehen. Nach der Gefangennahme ließ Herzog Leopold V. Richard durch seinen Ministerialen Hadmar II. von Kuenring auf die Burg Dürnstein bringen. Dieses Bauwerk wurde sicher nicht nur wegen seiner besonders gesicherten Lage ausgewählt, sondern man hat in Hadmar II. zweifellos den Schöpfer der neuen Burg Dürnstein zu sehen, welche einen würdigen Aufenthaltsort für einen königlichen Gefangenen abgab. Erst nach mehrwöchigen Verhandlungen zwischen Kaiser Heinrich VI. und Leopold V. konnten sich beide über die Auslieferung Richards an den Kaiser einigen. Nur durch hohes Lösegeld in Edelmetall, so hoch wie sein Erlös für Zypern, das er den Maltesern verkauft hatte, gewesen war, konnte Richard die Freiheit wieder erlangen. Die Höhe des Lösegeldes, das England und die französischen Besitzungen Richards für die Freigabe des Königs durch Heinrich VI. zahlen mußten, wird in den Verträgen mit 150.000 Kölner Mark Silbers angegeben. Die Aufbringung stieß auf große Schwierigkeiten, da hiefür Steuern eingehoben und Kirchenschätze eingeschmolzen werden mußten. Die Klöster, vor allem die Zisterzienser, hatten den Ertrag der Schafschur für ein Jahr abzuliefern. Erst nach Zahlung von 100.000 Mark wurde Richard am 4. Februar 1194 freigelassen. Kaiser Heinrich VI. und Herzog Leopold V. teilten sich diesen Betrag. Der Kaiser finanzierte damit seinen unteritalienisch-sizilischen Feldzug, während Leopold V. mit seinem Anteil (11.690 kg Silber) die Stadt Wiener Neustadt an der österreichisch-steirischen Grenze gründete, die Befestigung von Hainburg, Enns und wahrscheinlich auch von Wien verstärkte, sowie die Münzstätte Wien errichtete. Die Gefangennahme eines Kreuzfahrers hatte ihm den päpstlichen Bann eingetragen. Englische Chroniken dieser Zeit, auf Österreich besonders schlecht zu sprechen, berichten von einer Anzahl von Katastrophen im Lande und sehen darin eine Strafe Gottes für die Handlungen des Herzogs. Auf dem Sterbebette hatte Leopold V. schließlich die Zusicherung gegeben, daß der Rest des Lösegeldes an England zurückgezahlt werden würde. Dafür wurde er vom Banne gelöst.


Helga Georgen, Gottfried Stangler


Literatur: König Richard I. Löwenherz von England (1189 - 1199). Dürnstein. Hrsg. von der Stadt Dürnstein, Wachau. Schriftleitung von Fritz Dworschak und Willi Schwengler (Dürnstein 1966).
Heinrich FICHTENAU, Akkon, Zypern und das Lösegeld für Richard Löwenherz. In: Archiv für österreichische Geschichte (Wien 1966).