Rosarium beati Francisci

Rosarium beati Francisci

In: 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in Krems-Stein, Minoritenkirche, vom 15. Mai bis 17. Oktober 1982. Redigiert von Harry Kühnel, Hanna Egger, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 122. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1982. XXVIII, 775. 8°. Objekt-Nr.: 13.21, S. 658.

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Leihgeber: Graphische Sammlung Albertina (Wien), 1930/190
Rosarium beati Francisci

© Michael Malina, Krems


Nürnberg, 1484.
Einblattholzschnitt, 40 : 28,5 cm.
Dunkelbrauner Reiberdruck, lackrot, ockergelb, gelbgrün, grau, hellnußbraun koloriert. Datiert und signiert 1484, UF.
Ursprünglich Blatt 369 des Codex 3301 der Österreichischen Nationalbibliothek. Auf der Rückseite des Blattes einige handschriftliche Notizen, die franziskanische Angelegenheiten betreffen.

Der Baum, in dessen Mitte - gleichsam auf dem Wappen der Reichsstadt Nürnberg - der heilige Franziskus steht mit dem Schriftband: "Ego ei stiḡta dnŻi ihu i corpe meo porto" Gal. III trägt Früchte oder Rosen, die von den damals bekannten Heiligen oder Seligen der franziskanischen Ordensgemeinschaften gebildet werden. An den Wurzeln des Baumes sitzen drei Frauen, die als Castitas pudorosa, Paupertas zelosa und Obediencia studiosa bezeichnet sind. Über Franziskus nimmt der Baum die Form eines Kreuzes an, an dem Christus hängt, aus dessen Wunden sich fünf Blutströme auf die Wundmale des Heiligen ergießen, darüber ist das Schriftband "Quicūque hac regula secuti fuerint pax super illos mia." Galath. VI.
An den Ästen sind 29 Halbfiguren von Ordensmitgliedern, jeder mit seinem Namen und außerdem noch mit einem Schriftband versehen. Ferner sind oben links fünf Märtyrer in einer Gruppe und rechts deren zwei abgebildet, während unten links und rechts je vier weibliche Ordensmitglieder betend knien, an der Spitze der linken ist "Sca. clara" mit der Monstranz, an der rechten "S. elizabet" mit drei Kronen. Unter den Füßen des heiligen Franz ist am Baumstamm das Nürnberger Wappen, etwas tiefer die Jahreszahl 1484, darunter ist das Täfelchen Fratres canonizati seu alias beati fine celebris habiti und noch etwas tiefer das Künstlerzeichen uf. Nunmehr schließt sich ein größeres Band an, das die Inschrift "vidi alteru angelu ascedete ab ortu solis hātem ..." trägt.
Die Heiligen und Seligen sind folgendermaßen angeordnet: In der untersten Reihe links vom Stamm: Die heilige Klara, die heilige Agnes, Schwester Klaras, die selige Salomea, eine polnische Prinzessin, die nach ihres Mannes Tod in das Klarissenkloster in Krakau eintrat, die selige Agnes von Prag, Tochter des böhmischen Königs Premisl Ottokar I.
Auf der gegenüberliegenden rechten Seite sind die heilige Elisabeth von Thüringen, der heilige Ludwig, als IX. König von Frankreich, der selige Elzearius, Comes de Ariano, Mitglied des Dritten Ordens, und schließlich seine keusche Braut, die selige Delphina, dargestellt.
Die folgende zweite Reihe bilden links: der selige Augustinus von Capua, der zur selben Stunde wie Franziskus starb, der selige Julianus de Valle, und der selige Conradus, Eiferer für die strenge Einhaltung des Armutsgebotes. Rechts der selige Benevenutus de Eugubio, ein Laienbruder, der weder lesen noch schreiben konnte, der selige Reymundus, franziskanischer Martyrer in Armalec, Turkestan, der selige Demetrius und der selige Johannes, der mehr als 50 Jahre in wunderbaren Verzückungen auf dem Berge Alverna gelebt hat.
Die "Rosen" des dritten Astes links stellen dar: den seligen Johannes von Brienne, König von Jerusalem und Kaiser von Konstantinopel, der kurz vor seinem Tod die Kutte der Franziskaner nahm, der selige Odoricus, Missionar in Asien und den seligen Rogerius, ein Proyencale. Rechts ist der selige Adulphus, Graf Adolph IV. von Holstein und Schauenburg, der 1238 während eines Kreuzzuges in Livland gelobte in den Franziskanerorden einzutreten. Der selige Egidius, einer der ersten Anhänger des heiligen Franziskus und der selige Silvester, der erste Priester, der in den Laienkreis, der sich um Franziskus gebildet hatte, eingetreten war.
Am vierten Ast links finden wir: den heiligen Ludwig von Toulouse, Sohn König Karls II. von Anjou-Neapel, Großneffe Ludwigs IX., des Heiligen, den heiligen Franciscus Martyr und den heiligen Bernhardin von Siena, dargestellt mit dem von einem Strahlenkranz umgebenen Monogramm IHS.
Vierter Ast rechts: Der heilige Bonaventura, Gelehrter, Bischof und Kardinal, der stets für den gemäßigten Mittelweg in der Einhaltung der Ordensgebote des heiligen Franziskus eingetreten war, der selige Andreas, von seinem Onkel Papst Bonifaz VIII. zum Kardinal ernannt und letztlich der selige Petrus, Sohn König Jakobs II. von Aragonien und Blancas, der Schwester des heiligen Ludwig von Toulouse.
Am fünften Ast links sind dargestellt: Der selige Philippus Martyr, der mit 2000 Christen in Palästina den Märtyrertod erlitt, der heilige Antonius von Padua, Sohn vornehmer Eltern aus Lissabon, ursprünglich Augustiner-Chorherr, der unter dem Eindruck der fünf ersten Martyrer des Franziskanerordens, die in Marokko starben, zum Franziskanerorden wechselte und der heiligen Johannes Martyr, der wegen der Bekehrung eines Mohammedaners in Cairo hingerichtet worden war .
Fünfter Ast rechts: Der heilige Monaldus Martyr, hingerichtet in Armenien, der heilige Ulricus Martyr, der in Livland für seinen Glauben starb und der Martyrer Nicolaus, in Cairo mit weiteren drei franziskanischen Bekennern grausam gevierteilt.
Sechster und letzter Ast links: Der heilige Richardus, Bischof von Burgund, hingerichtet in Turkestan, der heilige Anthonius, zusammen mit Monaldus und Franciscus de Petriolo in Armenien ermordet. In der linken oberen Ecke sind die fünf Protomärtyrer des Franziskanerordens dargestellt, die fünf Brüder, die in Marokko starben, die Heiligen Otho, Beraldus, Accursius, Adjutus und Petrus.
Sechster Ast rechts: Der heilige Jacobus, Bischof in China und dortselbst hingerichtet, der heilige Franciscus von Petriolo, ermordet in Armenien, der heilige Stephanus, der unter den Sarazenen missionierte und starb und der heilige Thomas, getötet bei Bombay.
Die Heiligen und Seligen sind mit Spruchbändern umgeben, deren aus den Schriften entnommene Texte auf sie Bezug nehmen.
Der Wiener Einblattholzschnitt ist der älteste franziskanische Ordensbaum und wird von Kruitwagen ob der gründlichen Kenntnis der franziskanischen Ordensgeschichte Nikolaus Glassberger, einem historisch besonders interessierten Observanten, der sich von 1483-1508 in Nürnberg aufgehalten hatte, zugeschrieben. Unbekannt bleibt der Formschneider des Blattes, dem es vielfach an künstlerischer Qualität mangelt.


Hanna Egger


Literatur: Franz Martin HABERDITZEL, Die Einblattdrucke des XV. Jahrhunderts in der Kupferstichsammlung der Hofbibliothek zu Wien, Bd. 1 ( Wien 1920), Nr. 161.
Bonaventura KRUITWAGEN, Der Nürnberger Einblattdruck: "Rosarium beati Francisci" (1484) eine Arbeit Nikolaus Glaßbergers. In: Franziskanische Studien XIII (1926), S. 54-82.
Wilhelm L. SCHREIBER, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts. Stark vermehrte und bis zu den neuesten Funden ergänzte Umarbeitung des "Manuel de l'amateur de la gravure sur bois et sur métal au XVe siècle", Bd. 3: Holzschnitte. Mit Darstellungen der männlichen und weiblichen Heiligen (Leipzig 1926), Nr. 1777.