Stigmatisation des heiligen Franziskus

Stigmatisation des heiligen Franziskus

In: 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in Krems-Stein, Minoritenkirche, vom 15. Mai bis 17. Oktober 1982. Redigiert von Harry Kühnel, Hanna Egger, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 122. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1982. XXVIII, 775. 8°. Objekt-Nr.: 12.03, S. 647.

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Leihgeber: Barfüßerkirche Erfurt (Deutschland), Fenster süd II/2b
Stigmatisation des heiligen Franziskus

© Fritz Strauß, Erfurt


Nach 1230, aus Erfurt, Barfüßerkirche.
Glasgemälde. Höhe 82,5 cm, Breite 80 cm.
Inschriften: In der Medaillonrahmung: + PLAGIS DISTINCTUM SERAPHIN UIDET IN CRUCE UINCTVM + EX HINC SVNT ISTI MOX INOITA STIGMATA XPRISTI +
Auf dem aufgeschlagenen Buch: + D(OMI)NE FAC MECU(M) SIGNV(M) IN BONO +

Das Medaillon mit der Darstellung der Stigmatisation des heiligen Franziskus ist fast unversehrt so erhalten geblieben, wie es zu Beginn des 14. Jahrhunderts als Teil einer umfangreicheren Franziskus-Vita in die neue Glasmalereiausstattung des hochgotischen Chores der Erfurter Barfüßerkirche übernommen worden war.
Aus dem ursprünglich das ganze Fenster zusammenfassenden Teppich, einem rot-blauen Rautengrund, ist mittels einer reliefartig gestuften Rahmung ein achtpaßförmiges Bildfeld ausgeschnitten. Vor blauem Rankengrund kniet der heilige Franz vor der seraphischen Erscheinung des Gekreuzigten. Die Szene spielt vor der durch ein abbreviaturhaftes Versatzstück als simile dargestellten Kapelle auf dem Alvanerberg; im Sinne der für die Zeit charakteristischen additiven Veranschaulichung des Handlungsraumes ist der Altar als separiertes Bildmotiv hervorgehoben. Wirkungsvoll in den Bewegungsakzenten und ausgewogen im Verhältnis von Muster und Grund, sind die - auch in klaren Farbakkorden aufeinander bezogenen - Bildelemente in die Medaillonform eingespannt.
Bereits zu Lebzeiten des heiligen Franziskus war mit dem Bau der Erfurter Barfüßerkirche begonnen worden, nach 1230 war sie nachweislich schon in Benützung. Die Franziskusszenen aus dem Chorfenster gehören damit zu den frühesten und wichtigsten Bilddokumenten dieses Themenkreises. Die Illustration der Vision von der Erscheinung des Gekreuzigten und dem Empfang der Wundmale - die in der rahmenden Inschrift kurz kommentiert ist - entspricht kompositionell der ersten italienischen Darstellung dieser Szene auf der Franziskustafel des Bonaventura Berlinghieri. Die Vermittlung der Bildkonzeption nach Erfurt geht vielleicht auf den ersten Guardian der dortigen Franziskanerniederlassung, Jordanus de Giano, zurück, der selbst noch zu den Gefährten des heiligen Franziskus gezählt und wohl auch die in Italien - entstandenen ikonographischen Grundlagen über das Leben des Heiligen mitgebracht hat.
Daß die Erfurter Scheiben, die nicht nur Inkunabeln franziskanischer Kunst darstellen, sondern auch zu den bedeutendsten Denkmälern spätromanischer Monumentalmalerei nördlich der Alpen zählen, bis heute erhalten geblieben sind, verdankt man nicht nur der - bereits in der Einleitung zu diesem Kapital apostrophierten - "Denkmalpietät" des frühen 14. Jahrhunderts, sondern auch einer Intervention König Friedrich Wilhelms III. von Preußen, der einen 1829 bereits in Gang gesetzten Abverkauf der Barfüßer-Fenster verhinderte.
Stilistisch ist die den mitteleuropäischen Zackenstil einleitende thüringisch-sächsische Malerschule der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts der allgemeine Rahmen für die Scheiben des Erfurter Hauptmeisters; in den nur wenige Jahre jüngeren Glasgemälden der Marburger Elisabethkirche sind die nächsten Parallelen in der Glasmalerei greifbar, ohne daß diese freilich auf einen unmittelbaren stilistischen Zusammenhang festlegbar wären.


Ernst Bacher


Literatur: Karl-Joachim MAERCKER, In: Die mittelalterlichen Glasmalereien in den Ordenskirchen und im Augustinermuseum zu Erfurt (= Corpus Vitrearum Medii Aevi, DDR I, 1 Berlin 1976), S. 76f., Farbt. V, Abb. 55, 57.
Rüdiger BECKSMANN, In: Die Zeit der Staufer. Geschichte, Kunst, Kultur. Katalog der Ausstellung Stuttgart 1977 (Stuttgart 1977), S. 418f.
Louis GRODECKI, Die romanische Glasmalerei (Fribourg-Stuttgart 1977), S. 236f., 266f., Farbabb. 205.
Karl-Joachim MAERCKER, Mittelalterliche Glasmalerei in der Deutschen Demokratischen Republik (= Schriften zur Denkmalpflege in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1979), S. 200f.