Kruzifixus

Kruzifixus

In: 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in Krems-Stein, Minoritenkirche, vom 15. Mai bis 17. Oktober 1982. Redigiert von Harry Kühnel, Hanna Egger, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 122. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1982. XXVIII, 775. 8°. Objekt-Nr.: 8.05, S. 516.

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Leihgeber: Ehem. Minoritenkirche (Stein, Niederösterreich), Nordwand des Chors, zwischen erstem und zweitem Joch
Kruzifixus

© Niederösterreichische Landesbildstelle, Wien


Nach der Mitte des 14. Jahrhunderts.
Höhe 1,95 m, ursprüngliche Breite im oberen Teil 1,40 m.

Der in 3,56 m Höhe unter dem heute abgeschlagenen Konsolstein der Dienste zwischen den ersten beiden Jochen des Chors als Einzelbild angebrachte Kruzifixus diente der Andacht der Mönche.
Der rechte obere Teil des Bildfeldes im Bereich des linken Unterarms Christi ist verloren, die Oberfläche im rechten Arm, an der linken Schläfe und partiell an der Brust reduziert. Abgesehen von kleinen Beschädigungen ist die al fresco ausgeführte Malschicht mit allen al secco aufgetragenen Lasuren intakt erhalten. Die Begrenzungslinien der schmalen rot-grün-roten Rahmungsstreifen wurden mit dem Lineal im feuchten Putz vorgeritzt, die Strahlen des Kreuznimbus sind eingraviert. Vom ursprünglich kräftigeren Blau des Hintergrunds - Reste davon sind zu Füßen des Kreuzes vorhanden - hebt sich das helle Ocker des Kreuzes ab. Der Körper und das Lendentuch Christi sind monochrom in warmen Brauntönen mit kräftigen jedoch fein abgestuften Hell-Dunkel-Kontrasten bis zur Aufhellung in Weiß modelliert.
Das Kreuz bzw. der Kruzifixus wird in der Art eines gemalten italienischen Tafelkreuzes, einer croce dipinta, von einer kreuzförmigen, seitlich des Corpus abgestuften Hintergrundsfolie hinterlegt (siehe EGGER, S. 474ff., Abb. 50-52). Es ist dies die Form der in Italien in großer Zahl für die Franziskanerkirchen gemalten Kreuze, an deren Erweiterungsflächen im 13. Jahrhundert - wie in dem für die Minoritenkirche in Wien geschaffenen, 1945 zerstörten Wimpassinger Riesenkreuz - meist Maria und Johannes und andere Figuren angebracht waren, während im 14. Jahrhundert, einerseits aus formalen Gründen, um dem teilweise stärker ausschwingenden Corpus Christi Platz zu bieten, andererseits aus dem Streben nach Wirklichkeitsnähe, auf figurale Beifügungen verzichtet wird.
Die außerordentliche Wirkung des Kruzifixus beruht auf der Synthese verschiedener Stiltendenzen: der heroisch - idealen Auffassung der Figur, der verhaltenen Expressivität des Ausdrucks und der realistischen Darstellung des Körpers. Die Struktur und Plastizität des Körpers sind präzis herausgearbeitet, das harmonisch um die Hüften geschlungene Lendentuch läßt unter der differenziert modellierten Draperie die Form der Oberschenkel durchscheinen. Die realistische Charakterisierung der Oberflächenerscheinung schließt Details wie die sorgfältig eingezeichneten Haare an der Brust Christi oder im Kreuz die Wiedergabe der Maserung des Holzes und die Nagelung der Balken ein.
Der Kruzifixus wurde, wie auch der Schmerzensmann im Langhaus der Kirche und zwei Kreuzigungen in der ehemaligen Klarissinnenkirche in Dürnstein, nach der Mitte des 14. Jahrhunderts von einem italienischen Wanderkünstler geschaffen, der nach O. Demus aus dem Gebiet von Treviso, Venedig und Verona stammend, der Malergeneration Turones, Guarlentos und Tommasos da Modena angehört.


Elga LANC


Literatur: Hanna EGGER, Franziskanischer Geist in mittelalterlichen Bildvorstellungen. Versuch einer franziskanischen Ikonographie. In: 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters. Niederösterreichische Landesausstellung in Krems-Stein, Minoritenkirche, 15. Mai-17. Oktober 1982. Red. von Harry Kühnel, Hanna Egger, Gerhard Winkler (= Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums NF 122, Wien 1982), S. 471-505.
Otto DEMUS, Ein italienischer Wanderkünstler an der Donau. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege V (1951), S. 46ff.
Heribert HUTTER, Italienische Einflüsse auf die Wandmalerei in Österreich im vierzehnten Jahrhundert (phil. Diss., Wien 1958), S. 42ff., Kat. Nr. 118.
Elga LANC, Die mittelalterlichen Wandmalereien in Wien und Niederösterreich (= Corpus der mittelalterlichen Wandmalereien Österreichs 1, Wien 1983).