Aquamanile in Gestalt eines Buckligen

Aquamanile in Gestalt eines Buckligen

In: 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in Krems-Stein, Minoritenkirche, vom 15. Mai bis 17. Oktober 1982. Redigiert von Harry Kühnel, Hanna Egger, Gerhard Winkler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 122. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1982. XXVIII, 775. 8°. Objekt-Nr.: 1.07, S. 23.

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Leihgeber: Germanisches Nationalmuseum (Nürnberg, Deutschland), KG 488
Aquamanile in Gestalt eines Buckligen

© Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg


Niedersachsen (?), Hildesheim, Werkstatt des Domtaufbeckens (?), 13. Jahrhundert, Bronze, gegossen und graviert, Ausgußhahn am Nabel spätere Zutat, Höhe 26,8 cm

Bronzene Gießgefäße gehören zu den prunkvollen Repräsentationsgeräten der mittelalterlichen Tafel. In der Mehrzahl treten sie als Tierfiguren (Löwen-, Reiteraquamanile) auf; Aquamanile in menschlicher Gestalt sind seltener. Das eine verkrüppelte männliche Figur wiedergebende Gefäß (übergroßer Kopf, verformte Beine, dicker Bauch, Hühnerbrust) kann als Darstellung eines Flußgottes gedeutet werden. "Die antiken Flußgötter lebten in der Vorstellung des christlichen Mittelalters weiter, einerseits als Personifikation der vier Paradiesflüsse, andererseits wie viele antike Götter als dämonisierte Unholde" (R. Kahsnitz). Neben Körperbau und Aussehen (Gesichtszüge) unterstützt diese Deutung die ursprünglich als Ausfluß dienende, um den rechten Arm der Figur gewundene Schlange (Sinnbild der Erde, des Niedrigen und Bösen). Abgesehen von einem kurzen, gravierten Beinkleid ist der Krüppel nackt. Er kniet auf seinem rechten Bein und stützt den linken Arm auf sein aufgestelltes linkes Bein. Unter dem rechten Fuß befindet sich eine Kugel als Stütze. Die Eingußöffnung ist am Hinterkopf angebracht und durch einen Klappdeckel verschließbar.


Gerhard Jaritz


Literatur: Heinrich REIFFERSCHEID, Über figürliche Gießgefäße. In: Mitteilungen des Germanischen Nationalmuseums 1912, S. 30.
Otto von FALKE, Erich MEYER, Romanische Leuchter und Gefäße, Gießgefäße der Gotik (= Denkmäler deutscher Kunst. Bronzegeräte des Mittelalters 1, Berlin 1935), S. 48 u. 108, Nr. 316.
Hildesia sacra. Katalog der Ausstellung zum 79. Deutschen Katholikentag, 19. August - 14. Oktober 1962 / Kestner-Museum, Hannover (Hannover 1962), S. 47f., Nr. 71.
Germanisches Nationalmuseum Nümberg. Führer durch die Sammlungen (München 1977), Nr. 48 (Rainer Kahsnitz).
Katalog Ars sacra. Kunst des frühen Mittelalters. Juni - Oktober 1950, Bayerische Staatsbibliothek München (München 1950), Nr. 349.