Der "Corvinusbecher"

Der "Corvinusbecher"

In: Ausstellung Friedrich III. Kaiserresidenz Wiener Neustadt. Katalog der Ausstellung in St. Peter an der Sperr, Wiener Neustadt, vom 28. Mai bis 30. Oktober 1966. Herausgegeben vom Amt der Niederösterreichischen Landesregierung. Schriftleitung Peter Weninger. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 29. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturreferat 1966. 436. 8°. Objekt-Nr.: 223, S. 393.

Zum Anfang   Zurück   Vorwärts   Zum Ende

Fenster schließen


Leihgeber: Stadtmuseum Wiener Neustadt (Niederösterreich), A 59
Der

© Bildstelle der NÖ Landesregierung (Gmeiner)


Wiener Neustadt, Wolfgang Zulinger (?), um 1470-1490.
Teilweise vergoldetes Silber mit ungarischem Drahtemail, 81 cm hoch. Punze "Z" am Rande des Pokalfußes.

Urkundlich nachweisbar seit dem Jahre 1741, wahrscheinlich aber schon seit Ende des 15. Jahrhunderts, befindet sich der sogenannte "Corvinusbecher" im Besitz der Stadt Wiener Neustadt. Wie der Name besagt, wird dieser Prunkpokal mit dem Ungarnkönig Matthias Corvinus (1458-1490) in Verbindung gebracht. Auf diese Tradition nimmt auch die den Deckel bekrönende Figur Bezug. Ein knieender Ritter hält einen Schild, der auf der Rückseite die Jahreszahl 1462, auf der Vorderseite Kaiser Friedrichs III. sogenannte Devise AEIOU mit dem Doppeladler sowie das Monogramm des Matthias Corvinus und dessen Wappentier, den Raben mit einem Ring im Schnabel, trägt. Demnach wäre der Pokal mit dem zwischen den beiden Herrschern 1463 geschlossenen Frieden von Ödenburg in Beziehung zu setzen: Während eine Legende zu erzählen weiß, daß der Ungarnkönig dem Kaiser den Pokal als Dank - vor allem für die zurückgestellte heilige Stephanskrone - überreicht habe, berichtet eine andere Quelle, Friedrich III. hätte den Prunkpokal als Geschenk für den Ungarnkönig vorbereitet, ihn aber wegen plötzlich auftretender Unstimmigkeiten nicht überreicht. In den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts könnte der Pokal mit anderen Kleinodien aus der kaiserlichen Schatzkammer an die Stadt verpfändet und später nicht mehr ausgelöst worden sein. Einer dritten Überlieferung nach soll Matthias Corvinus den Pokal im Jahre 1487 anläßlich der Eroberung Wiener Neustadts dem Rat der Stadt geschenkt haben. Verschiedenen Stilmerkmalen zufolge würde der Pokal eher in die Zeit um 1480 passen. Ein Medaillon auf der Innenseite des Pokaldeckels, das einen Schild mit dem Brustbild eines Ritterheiligen zeigt, läßt sogar die Möglichkeit offen, daß Friedrich III. den Pokal für den von ihm gegründeten und 1479 in Wiener Neustadt angesiedelten St. Georgs-Ritterorden bestimmt hatte.
Als Schöpfer dieses hervorragenden Kunstwerkes könnte der zwischen 1451 und 1490 in Wiener Neustadt nachweisbare Goldschmied Wolfgang Zulinger (Punze "Z" am Pokalfuß) in Frage kommen. Die geschickte Verwendung von ungarischem Drahtemail ist vielleicht dadurch zu erklären, daß Zulinger ein Verwandter und Schüler des aus Siebenbürgen stammenden Wiener Neustädter Goldschmiedes Siegmund Langenauer, genannt "Waloch", gewesen ist.


Gertrud Gerhartl


Literatur: Wendelin BOEHEIM, Der Corvinusbecher in Wiener Neustadt. In: Berichte und Mittheilungen des Alterthums-Vereines zu Wien XVIII (1892), S. 78ff.
Josef MAYER, Geschichte von Wiener Neustadt, Bd. II: Wiener Neustadt in der Neuzeit (Wiener Neustadt 1927), S. 429ff.
Sándor MIHALIK, Denkmäler und Schulen der ungarischen Drahtemails im Ausland. In: Acta historiae artium academiae scientiarum hungaricae V (1958), S. 71ff.
Sándor MIHALIK, Die ungarischen Beziehungen des Glockenblumenpokals. In: Acta historiae artium academiae scientiarum hungaricae VI (1959), S. 33ff.
Hermann FILLITZ, Kaiser Friedrich III. und die bildende Kunst. In: Ausstellungskatalog Friedrich III. Kaiserresidenz Wiener Neustadt. St. Peter an der Sperr, Wiener Neustadt. 28. Mai-30. Oktober 1966. Veranstaltet vom Bundesland Niederösterreich (= Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums NF 29, Wien 1966), S. 186ff.
Die Gotik in Niederösterreich. Kunst und Kultur einer Landschaft im Spätmittelalter. Katalog der Ausstellung in der Minoritenkirche in Krems-Stein vom 21. Mai bis 18. Oktober 1959. Ausstellungs- u. Schriftleitung Fritz Dworschak (5. Auflage, Wien 1959), S. 97f., Nr. 318.