Vortragekreuz

Vortragekreuz

In: Die Zeit der frühen Habsburger. Dome und Klöster 1279-1379. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in Wiener Neustadt vom 12. Mai bis 28. Oktober 1979. Herausgegeben vom Amt der Niederösterreichischen Landesregierung. Redigiert von Floridus Röhrig und Gottfried Stangler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 85. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1979. 512.8°. Illustr., Karten, Stammtafeln. Objekt-Nr.: 277, S. 479.

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Leihgeber: Abtei Mehrerau (Bregenz, Vorarlberg)
Vortragekreuz

© Bundesdenkmalamt, Wien


Oberrhein (Straßburg?), drittes Viertel des 13. Jahrhunderts (um 1260?).
Vergoldetes Silber; Edelsteine, Bergkristall. 56,3 cm hoch.

Aus der Zisterzienserabtei Tennenbach (südlich Freiburg im Breisgau) 1631 vor dem ausrückenden Schwedenheer nach Stift Wettingen gebracht (auf dem unteren Schaftende der Vorderseite daher das Wappen des Abtes Petrus II. von Wettingen, † 1633); nach der Aufhebung des Klosters 1841 vom Päpstlichen Nuntius 1851 für Rom erworben; aus dem Vatikan (Museo Christiano) 1964 nach Mehrerau/Vorarlberg gegeben, wo sich die Mönche aus Wettingen nach der Aufhebung ihres Klosters ansiedelten. Die Rückseite
ist im Sinne der alten Crux gemmata, also des verklärten Kreuzes Christi (zu verstehen aus seinem Sieg am Kreuz über den Tod, durch den er sich die universale Herrschaft eroberte) mit Edelsteinen bzw. Bergkristallcabochons besetzt, die freie Fläche dicht mit Filigranornament überzogen; um den mittleren Bergkristall sind die vier Evangelistensymbole kreuzförmig angeordnet. Auch die Gliederung der Vorderseite in drei Streifen mit einem höhergestuften Mittelbalken geht auf eine ältere Tradition zurück, die bis in das erste Jahrtausend verfolgbar ist. Hier ist der größtenteils gegossene Schmuck plastisch aufgesetzt; auf dem Mittelbalken und in den paßförmigen Schlußstücken Tiere (Löwen, Greifen und Adler). Der Cruzifixus scheint entgegen älteren Behauptungen zum originalen Bestand zu gehören, wie S.-L. Faison nachgewiesen hat. Über die Datierung zwischen 1250 und 1300 schwanken die Ansichten, während an der oberrheinischen Lokalisierung kaum zu zweifeln ist. Näherhin kann eine Entstehung in Straßburg erwogen werden. Gegenüber dem aus St. Trudpert/Schwarzwald stammenden Reliquienkreuz (Leningrad, Eremitage), das um 1280 datiert wird, gehört das aus Tennenbach einem älteren Typus an, der später aufgegeben wurde; es führt auch Schmuckformen weiter, vor allem die Tierdarstellungen in den Ranken, deren Vergleichsstücke ab 1240/1250 zu datieren sind - dazu gehörten vor allem die Fassung des Onyx in Schaffhausen und die Schmuckstücke aus dem Grab der Kaiserin Constanze, der Gemahlin Kaiser Friedrichs II., im Dom von Palermo und die mit ihnen zu verbindenden Goldschmiedearbeiten. Damit ergibt sich wahrscheinlich eine Einordnung des Kreuzes zwischen diesen Polen - nach 1240/1250 und vor 1280. Mit der Umkehrung in der Wertigkeit der beiden Seiten, die sich vor allem in der Verlegung der crux gemmata auf die Rückseite ausprägt, hat das Kreuz entwicklungsgeschichtlich besondere Bedeutung.


Hermann Filitz


Literatur: Hans-Jörgen HEUSER, Oberrheinische Goldschmiedekunst im Hochmittelalter (Berlin 1974), S. 108ff.
Ingeborg KUMMER-SCHROTH, Besprechung zu Hans-Jörgen Heuser. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 40 (1977), S. 68.
Samson Lane FAISON, A Gothic Processional Cross in the Museo Cristiano. In: The Art Bulletin 17 (1935), S. 163ff.
Heinrich KOHLHAUSSEN, Der Onyx von Schaffhausen. In: Oberrheinische Kunst 7 (1936), S. 53ff.
0tto KLETZL, Westdeutsche Schatzkunst in Böhmen. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Westdeutsches Jahrbuch für Kunstgeschichte 11 (1939), S. 121f.
Albert KNOEPFLI, Das Wettinger Vortragekreuz. In: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 10 (1948), S. 45ff.
P. Kolumban SPHAR, Das Wettinger Prachtkreuz in der Mehrerau. In: Mehrerauer Grüße NF 35 (1971).