"Kaufmannsche" Kreuzigung

"Kaufmannsche" Kreuzigung

In: Die Zeit der frühen Habsburger. Dome und Klöster 1279-1379. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in Wiener Neustadt vom 12. Mai bis 28. Oktober 1979. Herausgegeben vom Amt der Niederösterreichischen Landesregierung. Redigiert von Floridus Röhrig und Gottfried Stangler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 85. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1979. 512.8°. Illustr., Karten, Stammtafeln. Objekt-Nr.: 252, S. 456.

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Leihgeber: Staatliche Museen zu Berlin (Deutschland), Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Gemäldesammlung, 1833

© Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin


Wohl österreichisch, gegen 1350.
Leinwand über Holz, auf Leinwand übertragen.
Maße: 67 x 29,5 cm.
Detail

Auf dem schmalen Hochformat der kleinen Tafel, die ursprünglich wohl von Flügeln mit anderen Passionsszenen flankiert wurde, werden ausführlich und mit vielen Details die Geschehnisse auf Golgotha geschildert. Groß ist die Zahl der unter den drei Kreuzen versammelten Menge: Links im Vordergrund steht die Gruppe der Trauernden um Maria in ihren Schmerz versunken, Magdalena umfängt den Kreuzstamm Christi. Hinter dieser Gruppe tauchen Soldaten auf, unter denen wir Longinus erkennen, der mit der Lanze in Christi Seite stößt und von seiner Blindheit geheilt wird. Rätselhaft ist die Gestalt hinter Magdalena: dem Typus nach erinnert der bärtige Alte an einen Propheten. Die rechte Hälfte des Bildes wird dominiert von dem guten Hauptmann, der, auf seinem Pferd sitzend, alle anderen Figuren überragt; er tut durch seine weisende Geste kund, daß er die Gottheit des Gekreuzigten erkannt hat. Die Gruppe unter ihm fällt durch die Vielfalt bizarrer Typen auf: Es sind die Soldaten, die um den Leibrock Christi würfeln. Die untere Hälfte der Tafel wird also von hintereinandergeschichteten Personengruppen dicht gefüllt, dank der relativ starken Aufsicht aber bleiben
auch die hinteren Figuren sichtbar. Die obere Hälfte dagegen zeigt vor dem Goldgrund seitlich nur die Schächer, die in vertrackten Stellungen an ihre Kreuze gebunden sind, und - als ruhendes Zentrum der ganzen Komposition - die edle Gestalt des gekreuzigten Christus selbst. Er wird von zwei Weihrauchfässer schwingenden Engeln betrauert. Teile dieser Komposition gehen vielleicht auf ein bolognesisches Vorbild zurück; vgl. das zwischen 1346 und 1350 entstandene Kanonbild des Missales B. 63 in Rom, Arch. di S. Pietro (Abb. in: L'Arte 1907,S.108). Die "Kaufmannsche" Kreuzigung konnte bis heute weder schlüssig nach Böhmen noch nach Österreich lokalisiert werden und ist so ein zwischen diesen beiden Kunstlandschaften strittiges Werk geblieben. Dem Versuch einer Einordnung nach Österreich ist die Bemerkung vorauszuschicken, daß zur Zeit der Entstehung dieser Tafel die wechselseitigen Beziehungen zwischen Böhmen und Österreich intensiv und die Landesgrenzen für künstlerische Strömungen durchlässig waren. Die Voraussetzungen für den Stil der Kaufmannschen Kreuzigung liegen jedenfalls bei Werken wie den Rückseitentafeln des Verduner Altares (siehe "Rückseiten des Verduner Altares"). Der Maler der Berliner Tafel hat im Figurenstil und in der Behandlung der Gewänder in Richtung auf eine plastische Anreicherung der Falten eine ähnliche Entwicklung hinter sich wie der Meister des Klosterneuburger Passionsaltares (siehe "Passionsaltar"), wobei man ihm freilich diesem gegenüber einen wesentlich höheren Rang zubilligen muß. Die Weiterentwicklung der subtilen Farbzusammenstellungen, die wir schon am Verduner Altar bemerkt haben, kennzeichnet in ihrer Raffinesse und den manchmal gewagten Kombinationen den Maler als außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit. Auch für die Bereicherung der Gesamtkomposition kann man Vorstufen aus der österreichischen Malerei zitieren: Besonders gut vergleichbar ist die Kreuzigungstafel der Sammlung Bührle, Zürich, die von dem Meister der Berliner Geburt (siehe "Geburt Christi") stammt. Dort treffen wir schon auf ähnlich hintereinandergeschichtete Figurengruppen zu Seiten des Kreuzes, wobei sowohl der Hauptmann zu Pferd als auch die sich abwendende Frau aus dem Gefolge Mariae in der Kaufmannschen Tafel ihre wörtlichen Entsprechungen finden. Der Gewandstil der Figuren der Kaufmannschen Kreuzigung läßt sich teilweise mit den Randzeichnungen, die den Codex 8 der
Schaffhausener Stadtbibliothek mit anschaulichen Schilderungen aus dem Leben Jesu illustrieren, vergleichen. Das Kanonbild des St. Pöltner Missales Handschrift 56 (siehe "Missale") und ein steirisches Passionsretabel in Graz (vgl. Gotik) zeigen das Nachleben der Komposition - oder von Einzelgruppen - in der österreichischen Malerei der fünfziger und sechziger Jahre.


Gabriela Fritzsche

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Literatur: Betty KURTH, Die Wiener Tafelmalerei in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und ihre Ausstrahlungen nach Franken und Bayern. In: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien NF III (1929), S. 40.
Antonín MATEJCEK, Jaroslav PEŠINA, Gotische Malerei in Böhmen. Tafelmalerei 1350- 1450 (Prag 1955), S. 19, 52.
Katalog der ausgestellten Gemälde des 13. bis 18. Jahrhunderts, Staatliche Museen, Preußi- scher Kulturbesitz, Gemäldegalerie (Berlin 1975), S. 52.
Kaiser Karl IV. 1316 - 1378. Führer durch die Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums München auf der Kaiserburg Nürnberg. Hrsg. vom Bayerischen Nationalmuseum München. Redigiert von Johanna von Herzogenberg (München 1978), Nr. 132.
Gotik in der Steiermark. Landesausstellung veranstaltet vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung im Stift St. Lambrecht vom 28. Mai bis 8. Oktober 1978. (Graz 1978), Abb. 2.