Speculum humanae salvationis

Speculum humanae salvationis

In: Die Zeit der frühen Habsburger. Dome und Klöster 1279-1379. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in Wiener Neustadt vom 12. Mai bis 28. Oktober 1979. Herausgegeben vom Amt der Niederösterreichischen Landesregierung. Redigiert von Floridus Röhrig und Gottfried Stangler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 85. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1979. 512.8°. Illustr., Karten, Stammtafeln. Objekt-Nr.: 243, S. 448.

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Leihgeber: Benediktinerstift Kremsmünster (Oberösterreich), Stiftsbibliothek, Codex 243
Speculum humanae salvationis

© Kunsthistorisches Institut der Universität Wien


Seeschwaben, um 1330/1335.
Pergament, 62 Blätter, 345 x 260 mm, Faksimile.

Die Handschrift gelangte erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus der Prämonstratenserabtei Weißenau (nördlich des Bodensees) nach Kremsmünster. Der sehr geläufige und höchst anmutige Stil ihrer Illustrationen - es sind lavierte Federzeichnungen - weist ebenfalls nach Seeschwaben, da er in etwa die Richtung des Katharinentaler Graduales fortsetzt (vgl. "Graduale aus St. Katharinental"). Freilich gehört der Zeichner des Speculum schon einer jüngeren Generation an; für seine ungefähre zeitliche Festlegung geben die Malereien des 1335 geweihten Sommerrefektoriums der Abtei Bebenhausen am Neckar einen brauchbaren Anhaltspunkt (Abb. bei WENTZEL). Das Speculum humanae salvationis, auch "Heilsspiegel" genannt, ist eine typologische Bilderhandschrift, die jeder Szene aus dem Leben Christi oder Mariae drei "Typen" (d. h. Vorbilder) aus dem Alten Testament gegenüberstellt und die geheimen Zusammenhänge zwischen diesen Ereignissen in einem ausführlichen Verskommentar erläutert. Es ist in 46, meist je zwei Seiten umfassende Kapitel eingeteilt, von denen allerdings nur das 3. bis 36. als typologisch im engeren Sinn zu bezeichnen sind; die restlichen behandeln etwas unsystematisch verschiedene der frommen Betrachtung förderliche Themen. Vermutlich erst gegen 1300 entstanden, läßt das Speculum also schon jenen strengen Aufbau vermissen, der die rund 60 Jahre früher konzipierte "Biblia pauperum" (vgl. "Biblia Pauperum") noch auszeichnet. Aufgeschlagen: Folio 43v und 44r mit dem 38. Kapitel. Dieses behandelt Maria als Beschützerin der Menschen; sie erscheint daher in der ersten Miniatur als "Schutzmantelmadonna" - eine Bildprägung, deren weite Verbreitung im 14. Jahrhundert wohl auf das Speculum zurückgeht. Daneben die drei Typen: die Königstochter Tarbis verteidigt die Stadt Saba gegen die Belagerung durch Moses (Abbildung rechts); eine Frau in Tebes verteidigt ihre Stadt, indem sie den Angreifer Abimelech durch einen Stein tötet; Davids Frau Michol rettet ihren Gemahl vor den Knechten Sauls, indem sie ihm Zeit zur Flucht verschafft.


Gerhard Schmidt

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Literatur: Speculum humanae salvationis. Vollständige Faksimile-Ausgabe des Codex Cremifanensis 243 des Benediktinerstiftes Kremsmünster (= Codices select 32, Graz 1972).
Gerhard SCHMIDT, In: Kunstchronik 27 (1974), S. 142ff.
Hans WENTZEL, Die Glasmalereien in Schwaben von 1200 - 1350 (= Corpus vitrearum medii aevi 1,1, Berlin 1958), S. 23.