Johannes Kepler, "Harmonices Mundi libri V" Linz 1619 (Johann Planck)

Johannes Kepler, "Harmonices Mundi libri V" Linz 1619 (Johann Planck)

In: Mensch und Kosmos. Katalog der Oberösterreichischen Landesausstellung im Schloßmuseum Linz vom 7. Mai bis 4. November 1990. Herausgegeben von Wilfried Seipel. Kataloge des Oberösterreichischen Landesmuseums. N.F. 33. – Linz: Land Oberösterreich, Amt der Oberösterreichischen Landesregierung, Abteilung Kultur 1990. 198. 8°. Objekt-Nr.: 88, S. 90.

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Leihgeber: Benediktinerstift Kremsmünster (Oberösterreich), Stiftsbibliothek, 2 Kb 48
Johannes Kepler,

© Benediktinerstift Kremsmünster (O.Ö.)


Einband: Pergament über Pappe: Antiphonarfragment
(Ende 15. Jahrhundert) mit Quadratnotation.

Kepler widmete seine "Harmonices Mundi" König Jakob I. von England, von dem er hoffte, er werde - harmonisch - die konfessionelle Wiedervereinigung herbeiführen. Mit diesem Werk sah Kepler sich am Ziel seiner Bemühungen als "Priester des höchsten Gottes im Bereich des Buches der Natur" (Nr. 9a1: "Sacerdos Dei altissimi ex parte libri Naturae"). Nachgewiesen werden harmonikale Proportionen in der Geometrie der Flächen, Körper, in der Astrologie und Musik sowie in Handlungsbereichen bis hin zur Rechts- und Staatslehre; erst im fünften Buch wendet er sich der Astronomie zu. Im Anschluß an Plato ging Kepler davon aus, daß die für den Schöpfungsplan vorausgesetzten harmonischen Verhältnisse in den Planetenbahnen selbst enthalten sein müßten. Das letzte exakte Maßverhältnis lieferte ihm bei der Berechnung der Harmonien die weitgehend deduktive und nachträglich empirisch bestätigte Entdeckung (vom 18.3. 1618) der wirklichen Beziehung zwischen Umlaufzeit und Bahnradius je zweier Planeten (3. Keplerisches Gesetz). Als Harmonien galten Kepler nicht die einfachen ganzzahligen Verhältnisse ("numeri numerantes") der antiken Harmonienlehren, sondern die Verhältnisse, mit denen die Ecken eingeschriebener regulärer Polygone einen Kreis unterteilen. Um einen Einblick zu geben in die Kompliziertheit der Ausdrucksweise Keplers bzw. der Sachzusammenhänge, sei die von Kepler gegebene Erklärung des "Dritten Gesetzes" wörtlich wiedergegeben, das ja tatsächlich den Höhepunkt der Astronomie dieses großen Gelehrten ausmacht: "Allein es ist ganz sicher und stimmt vollkommen, daß die Proportion, die zwischen den Umlaufzeiten irgend zweier Planeten besteht, genau das Anderthalbe der Proportion der Mittleren Abstände, d. h. der Bahnen selber ist, wobei man jedoch beachten muß, daß das arithmetische Mittel zwischen den beiden Durchmessern der Bahnellipse etwas kleiner ist als der längere Durchmesser. Wenn man also von der Umlaufszeit z. B. der Erde, die ein Jahr beträgt, und von der Umlaufszeit des Saturn, die Jahre beträgt, den dritten Teil der Proportion, d. h. die Kubikwurzeln nimmt und von dieser Proportion das Doppelte bildet, indem man jene Wurzeln ins Quadrat erhebt, so erhält man in den sich ergebenden Zahlen die vollkommen richtige Proportion der mittleren Abstände der Erde und des Saturns von der Sonne." Wie sehr Kepler jedoch trotz seiner so trocken erscheinenden Erklärung und Ausdrucksweise innerlich von emotionaler und religiös begründeter Anteilnahme war, ergibt sich aus der Vorrede zu seinem fünften Buch: "Ich trotze höhnend den Sterblichen mit dem offenen Bekenntnis: Ich habe die goldenen Gefäße der Ägypter geraubt, um meinem Gott daraus eine heilige Hütte einzurichten, weitab von den Grenzen Ägyptens. Verzeiht ihr mir, so freue ich mich. Zürnt ihr mir, so ertrage ich es. Wohlan, ich werfe den Würfel und schreibe ein Buch für die Gegenwart oder die Nachwelt. Mir ist es gleich. Es mag hundert Jahre seines Lesers harren, hat doch auch Gott sechstausend Jahre auf den Beschauer gewartet."


P. Rupert Froschauer, Wilfried Seipel


Literatur: Johannes KEPLER, Gesammelte Werke, Bd. 6: Harmonice mundi. Hrsg. von Max Caspar (München 1940).
Walther GERLACH, Martha LIST, Johannes Kepler, 1571 Weil der Stadt - 1630 Regensburg. Dokumente zu Lebenszeit und Lebenswerk (München 1971), S. 175ff.
Justus SCHMIDT, Johann Kepler. Sein Leben in Bildern und eigenen Berichten (Linz 1970), S. 142ff.
Art. J. Kepler (F. Krafft), in: IRE 18 (Berlin-New York 1988), S. 97ff.
Erhard OESER, Kepler. Die Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft (= Persönlichkeit und Geschichte 58/59, Göttingen, Zürich, Frankfurt 1971), S. 116ff.
Erhard OESER, Wissenschaftstheorie als Rekonstruktion der Wissenschaftsgeschichte. Fallstudien zu einer Theorie der Wissensentwicklung, Bd. I: Metrisierung, Hypothesenbildung, Theoriendynamik (Wien 1979), S. 149ff. (Keplers Planetengesetze).