Sarg der Hetep-Amun

Sarg der Hetep-Amun

In: Mensch und Kosmos. Katalog der Oberösterreichischen Landesausstellung im Schloßmuseum Linz vom 7. Mai bis 4. November 1990. Herausgegeben von Wilfried Seipel. Kataloge des Oberösterreichischen Landesmuseums. N.F. 33. – Linz: Land Oberösterreich, Amt der Oberösterreichischen Landesregierung, Abteilung Kultur 1990. 198. 8°. Objekt-Nr.: 1, S. 5.

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Leihgeber: Universität Heidelberg (Deutschland), Sammlung des Ägyptologischen Instituts der, 1015
Sarg der Hetep-Amun

© Ägyptologisches Institut der Universität Heidelberg


Oberteil: Sykomorenholz
Länge: 1,37 m; Breite: 46,5 cm
25. Dynastie, um 700-675 vor Chr.

Die Innenseite dieses mit Stuck überzogenen und bemalten Holzsarges der Hausherrin Hetep-Amun zeigt in klassischer Weise die in zahlreichen Särgen, aber auch Gräbern und Tempeln dargestellte Sonnenbahn. Die in grellroter Farbe bemalte Sonnenscheibe wird von den ausgestreckten Armen der Himmelsgöttin Nut gehalten. Die Himmelsgöttin steht auf der aufrecht stehenden flachen Erdscheibe, wie es dem physikalischen Weltbild der alten Ägypter entsprach. Das Empfangen der Sonnenscheibe durch die Himmelsgöttin Nut drückt den Beginn bzw. das Weitergeben eines zyklischen Vorganges aus, der allabendlich mit dem Verschlucken der Sonne durch die Göttin Nut begann und am Morgen mit der Wiedergeburt der Sonne aus dem Schoße dieser Göttin seine Fortsetzung fand. Vergleichbare Darstellungen, wie etwa auf der Decke der Sargkammer im Grabe Sethos I. oder Ramses VI. aus der Zeit des Neuen Reiches, zeigen den Körper der Himmelsgöttin mit Sternen besät und betonen stärker den Nachtaspekt. Tagfahrt und Nachtfahrt der Sonne gingen ohne Unterbrechung ineinander über. Die zyklische Wiederkehr des Sonnenlaufs war nicht nur eine der eindrucksvollsten täglich sichtbaren Himmelserscheinungen, sondern gleichzeitig auch Ausdruck eines unendlichen kosmischen Geschehens. So war es verständlich, daß es Wunsch der Toten war, an diesem ewigen Kreislauf teilzuhaben. Dies erklärt die Wiedergabe des Sonnenlaufes auf der Innenseite des Sargdeckels.
Noch weitere Darstellungen weisen auf den Sonnenlauf und seine Bedeutung für das Weiterleben der Toten im Jenseits hin: Die rechts und links des Körpers der Himmelsgöttin aufgemalten Paviane sind die charakteristischen Begleitgötter des Sonnengottes, die ihn jeden Morgen bei seinem Aufgang mit ihrem Gebet begrüßen. Die beiden kompliziert zusammengesetzten Standarten sind dem jugendlichen Sonnengott Nefertem geweiht und können ebenfalls als Erneuerungssymbole, die für die Auferstehung des Toten von Bedeutung sind, gedeutet werden.
Beachtenswert ist die zwar schlichte, aber in ihrer Buntheit und flächigen Farbigkeit beeindruckende Frontalität der Himmelsgöttin, deren blau bemalte Perücke deutlich zu dem roten, eng anliegenden Trägerkleid kontrastiert. Der ewige Kreislauf der Sonne, an dem der Tote als Passagier in der Barke des Sonnengottes teilhaben wollte, war das zyklische Symbol des ägyptischen Zeitempfindens. Dennoch war diese Ausrichtung auf den Sonnenlauf nur einer von verschiedenen kosmologischen Aspekten ägyptischer Religiosität. Die Sehnsucht des toten Königs, unter den Sternen des Nachthimmels zu weilen, gehört zu den ältesten Elementen der in den Pyramidentexten des Alten Reiches überlieferten kosmischen Vorstellungen. Die Unterscheidung der einzelnen Sternbilder, wie sie auf den Grabwänden des Neuen Reiches und auf den Särgen des Mittleren Reiches zu finden sind, zeugt von einer besonderen astronomischen Beobachtungsgabe der alten Ägypter. Die astronomische Fixierung des bürgerlichen Wandeljahres durch den heliakischen Frühaufgang der Sothis bereits zu Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends gehört zu den großen Leistungen der alten Ägypter. Nicht zuletzt läßt sich auch unser Kalender auf das Land am Nil und seine kulturellen Leistungen zurückführen.


Wilfried Seipel


Literatur: Vom Nil zum Neckar. Kunstschätze Ägyptens aus pharaonischer und koptischer Zeit an der Universität Heidelberg. Hrsg. von Erika Feucht (Berlin, Heidelberg, New York 1986). S. 121f.