Der Stammbaum der Babenberger: Markgräfin Agnes

Der Stammbaum der Babenberger: Markgräfin Agnes

In: Der heilige Leopold. Landesfürst und Staatssymbol. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung im Stift Klosterneuburg vom 30. März bis 3. November 1985. Graphische Gestaltung von Irmgard Grillmayer. Redigiert von Floridus Röhrig und Gottfried Stangler. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 155. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1985. XXXI, 445. 8°. Illustr. Objekt-Nr.: 303, S. 297.

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Leihgeber: Augustinerchorherrenstift Klosterneuburg (Niederösterreich), Stiftsmuseum
Der Stammbaum der Babenberger: Markgräfin Agnes

© Bildstelle der NÖ Landesregierung (Nechuta)


Hans Part und andere Maler, 1489-1492.
Tempera auf Holz (auf Leinwand übertragen); Mittelteil 344 x 405 cm, Seitenflügel je 344 x 200 cm.

Das riesige Gemälde wurde vom Stift Klosterneuburg nach der Heiligsprechung Leopolds III. in Auftrag gegeben, um dem Volk den neuen Landesheiligen nahezubringen und es zugleich mit seiner Familiengeschichte vertraut zu machen. Es war ursprünglich im Kreuzgang nahe am Grab des Heiligen aufgestellt. Die historische Grundlage für das Gemälde bildete die historische Arbeit von Ladislaus Sunthaym, die 1491 im Druck erschien. Zur selben Zeit wurde sie zur Illustration des Stammbaum-Triptychons auf acht Pergamentblätter geschrieben und prächtig illuminiert (vgl. "Sunthaym-Tafeln, Blatt 2"). Den Malern des Stammbaums lag zweifellos ein Manuskript Sunthayms vor, da sie schon seit 1489 an der Arbeit waren (Datum auf Rundbild 25). Laut Eintragungen in den Rechnungsbüchern arbeiteten sie bis 1492. Es waren mindestens drei Maler am Werk, einer ist als Hans Part namentlich überliefert. Nach mehreren Restaurierungen (u. a. 1630-1633 durch Jeremias Günther) wurde das Riesenwerk 1842/1843 von Holz auf Leinwand übertragen. Eine neuerliche Restaurierung durch Josef Schönbrunner, welcher viele fehlende Teile neu hinzumalte, war 1861 beendet. Die untere Partie aller drei Teile wurde damals völlig erneuert. Die letzte umfassende Restaurierung fand 1951-1965 in den Werkstätten des Bundesdenkmalamtes statt.
Das Einzigartige an diesem Stammbaum ist, daß die Männer aus dem Geschlecht der Babenberger auf 27 Rundbildern nicht als Einzelfiguren, sondern in Szenen aus ihrem Leben dargestellt sind. Die Szene am unteren Rand stellte die legendäre Begebenheit dar, wie Leopold von Babenberg dem Kaiser auf der Jagd seine Waffe leiht und dafür mit der Mark Österreich belehnt wird (vgl. "Miniatur des Stammbaums der Babenberger"). Bei der Restaurierung des 19. Jahrhunderts wurde sie vollkommen mißverstanden. Die 27 Rundbilder stellen im einzelnen dar:
1. Leopold I. der Durchlauchtige im Kampf gegen die Ungarn, im Hintergrund Melk und Einführung der Chorherren.
2. Heinrich I. der Widerspenstige, im Hintergrund Stockerau und die Marter des heiligen Koloman.
3. Erzbischof Poppo von Trier, im Hintergrund Trier.
4. Ernst der Ältere von Schwaben auf der Jagd.
5. Ernst der Jüngere von Schwaben wird ermordet, im Hintergrund Burg Falkenstein im Schwarzwald.
6. Hermann IV. von Schwaben, sein Leichenzug über die Alpen.
7. Adalbert der Sieghafte im Kampf gegen die Ungarn, im Hintergrund Stift Melk mit Übergabe der Kreuzreliquie.
8. Leopold der Starke im Feldlager gegen die Ungarn.
9. Ernst der Strenge fällt im Kampf gegen die Sachsen an der Unstrut, im Hintergrund Stift Melk und Markgraf mit Ulrichsbecher .
10. Leopold II. der Schöne in der Schlacht bei Mailberg, im Hintergrund Stift Melk (Einführung der Benediktiner) und Burg Gars am Kamp.
11. Albrecht der Leichtfertige belehnt seinen Bruder Leopold, im Hintergrund Burg Pernegg.
12. Erzbischof Poppo von Trier sendet den Kuenringer Azzo nach Österreich, im Hintergrund Trier .
13. Leopold III. der Heilige mit zwei früh verstorbenen Söhnen, im Hintergrund die Klöster Klosterneuburg, Heiligenkreuz und Klein-Mariazell.
14. Adalbert der Andächtige im Kampf gegen den ungarischen Usurpator Borics.
15. Leopold IV. belagert Regensburg.
16. Bischof Otto von Freising, im Hintergrund Freising.
17. Erzbischof Konrad von Salzburg im Hintergrund Salzburg (?).
18. Ernst der Jüngling auf der Jagd.
19. Heinrich II. Jasomirgott auf der Fahrt ins Heilige Land, im Hintergrund die Wiener Schottenkirche.
20. Leopold V. der Tugendreiche erhält vom Kaiser die rot-weiß-rote Fahne.
21. Heinrich der Ältere von Mödling kämpft in Mähren, im Hintergrund die Burg Mödling.
22. Heinrich der Jüngere von Mödling auf der Jagd, rechts Schloß Laxenburg.
23. Friedrich I. der Christliche fährt ins Heilige Land, im Vordergrund sein Leichenzug.
24. Leopold VI. der Ehrenreiche versöhnt Papst und Kaiser, im Hintergrund Stift Lilienfeld und Wiener Neustadt.
25. Leopold das Kind entläuft seinen Lehrern, im Hintergrund Klosterneuburg.
26. Heinrich (nicht Leopold!) der Grausame erobert Hainburg, links flieht seine Mutter Theodora.
27. Friedrich II. der Streitbare fällt in der Schlacht an der Leitha, im Hintergrund Wien.
Auf den beiden Seitenflügeln sind die Frauen der Babenberger abgebildet, die in Halbfiguren aus Blütenkelchen wachsen. Ihre reiche Kleidung ist kostümgeschichtlich äußerst interessant. Von spezieller Bedeutung ist Markgräfin Agnes auf dem rechten Flügel, denn sie hält ein Modell der Stiftskirche in der Hand. Auf diesem ist deutlich das romanische Westwerk zu sehen, das erst kürzlich freigelegt wurde.


Floridus Röhrig

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Literatur: 1000 Jahre Babenberger in Österreich. Katalog der Niederösterreichischen Jubiläumsausstellung im Stift Lilienfeld vom 15. Mai bis 31. Oktober 1976. Schriftleitung von Peter Weninger. Bearbeitet von Erich Zöllner, Karl Gutkas, Gottfried Stangler und Gerhard Winkler (= Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums NF 66, Wien 1976), Nr. 1110.
Floridus RÖHRIG, Der Babenberger-Stammbaum im Stift Klosterneuburg (2. Auflage Wien 1977).