Lünette von der Bärenmühle, Anfang 19. Jahrhundert

Lünette von der Bärenmühle, Anfang 19. Jahrhundert

In: Jagdzeit. Österreichs Jagdgeschichte. Eine Pirsch. Katalog der Ausstellung in der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten vom 28. März 1996 bis 16. Februar 1997. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien. 209. – Wien: Eigenverlag der Museen der Stadt Wien 1996. 356. 8°. Objekt-Nr.: 9.30, S. 146.

Zum Anfang   Zurück   Vorwärts   Zum Ende

Fenster schließen


Leihgeber: Historisches Museum der Stadt Wien, 57.738
Lünette von der Bärenmühle, Anfang 19. Jahrhundert

© Historisches Museum der Stadt Wien


Sandstein; Höhe 57, Länge 116, Tiefe 5,5
Farbtafel

Das Haus stand bis zu seinem Abbruch am Beginn der Rechten Wienzeile (ehemals Wienstraße 1). 1654 eröffnete der Bäcker Georg Mackh ein Wirtshaus "Zum schwarzen Bern", das 1683 zerstört wurde. Ein neuer Besitzer der Realität, Andre Antonius Schmelzer, ließ das Wirtshaus wieder aufbauen. Seine Erben verkauften es 1705 an den Müllermeister Hans Georg Straub. Dieser erbaute auf der zum Hause gehörenden "Truckerstatt" (Wäschetrockenplatz) seine neue Mühle, die "Bärenmühle" (nicht am Standort der alten Heiligengeistmühle) an den Rand der damaligen Bauverbotszone, die an dieser Stelle durch die stadtseitige Front des Freihauses gegeben war. 1794 erfolgte die Verlegung der Mühle in das Haus mit der heutigen Adresse Rechte Wienzeile 1/Operngasse 18-20.
Alte Photos des Baues vor seiner Demolierung 1937 zeigen ein dreigeschoßiges Gebäude mit 11 Fensterachsen gegen die Wienstraße (Rechte Wienzeile) und 16 Fensterachsen gegen den Obstmarkt. Die ebenfalls gegen den Obstmarkt ausgerichteten 7 Fensterachsen der Schmalseite waren mit Fruchtkränzen über den Lünetten bereichert. Alle Lünetten enthielten Füllungen mit je zwei Putti, die in Blatt- und Rankengebilde ausliefen. Die mittlere Fensterachse der Schmalseite enthielt die Bärenlünette. Die Legende, die zur Bezeichnung "Bärenmühle" führte, findet sich ausführlich beim Lokalhistoriker Wilhelm Kisch wiedergegeben: "So hat es sich denn auch an einem eisigen Winterabend zugetragen, dass ein grimmiges Ungeheuer von einem schwarzen Bären zu jener Mühle an der Wien kam und den Müllermeister anfiel. Dieser, ein kräftiger Mann, setzte sich zwar gegen seinen zottigen Gegner tapfer zur Wehre, wurde aber alsbald zu Boden geworfen. Das Hilfegeschrei hörte der Müllerknecht, der sich gerade über dem Kampfplatze im ersten Stock des Mühlgebäudes befand. Dieser öffnete das Müllerfenster, und, die Gefahr erkennend, dass hier keine Zeit zu versäumen sei, sprang er durch das Fenster herab und zwar so, dass er auf den Bären wie auf einem Pferde zu reiten kam. Allsogleich schlang der Knecht seine starken Arme um den Hals des Bären und schnürte ihm die Kehle zu, so dass dieser jetzt den Müller losliess. Auf diese Art wurde derselbe gerettet, und der Müllerbursche erbat sich als Lohn für seine Tat die Haut des Bären und liess sich daraus einen stattlichen Pelz machen." Die Sage dürfte zu Beginn des 18. Jahrhundert entstanden sein. Tatsächlich verirrten sich damals noch Wildtiere ins dicht verbaute Gebiet. Belegt ist, daß 1715 ein Bär bis nach Hütteldorf kam.


Renata Kassal-Mikula


Literatur: Wilhelm KISCH, Die alten Strassen und Plaetze von Wiens Vorstädten und ihre historisch interessanten Haeuser. Ein Beitrag zur Culturgeschichte Wiens mit Rücksicht auf vaterländische Kunst, Architektur, Musik und Literatur, Bd. II ( Wien 1895), S. 39ff.
Karl KREJCI, Heiligengeistmühle-Bärenmühle. Zur Klärung der Standorte der beiden Mühlen seit dem 17. Jahrhundert In: Wiener Geschichtsblätter 33 (1978), Heft 4, S. 208f.