Projekt zu einer k. k. Jagd-Burg, 1835

Projekt zu einer k. k. Jagd-Burg, 1835

In: Jagdzeit. Österreichs Jagdgeschichte. Eine Pirsch. Katalog der Ausstellung in der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten vom 28. März 1996 bis 16. Februar 1997. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien. 209. – Wien: Eigenverlag der Museen der Stadt Wien 1996. 356. 8°. Objekt-Nr.: 9.7, S. 135.

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Leihgeber: Historisches Museum der Stadt Wien, 31.258
Projekt zu einer k. k. Jagd-Burg, 1835

© Historisches Museum der Stadt Wien


Joseph Ziegler (1774 - 1846 Wien)
Gouache, 66 x 103
Aufschrift unten: "Perspektiefischer Aufriss von einer k. k. Jagd=Burg, welche an den k. k. Thier Garten, bey dem Dorf Mauer oder Maria Brun erbaut, und dieser Garten, welcher sieben Stund im Umfang, in Ziehr, Lust, und Thier Garten eingeteilt werden könte, invendirt, und gezeichnet im Jahre 1835. von Joseph Ziegler Archidekt"
Farbtafel

Die stets unbeholfen gezeichneten und meist naiv konzipierten Architekturentwürfe Joseph Zieglers sind in der Regel unabhängig von jedem konkreten historischen Planungszusammenhang entstanden. Es sind freie, unbefangene Hervorbringungen eines weder baukünstlerisch noch darstellerisch sonderlich begabten Privatmannes, der als Inhaber einer Architektur- und Zeichenschule in Wien-Breitenfeld immerhin soviel Ansehen genoß, daß er seine Werke regelmäßig in den Jahresausstellungen der k. k. Akademie der bildenden Künste bei St. Anna präsentieren durfte. Was die offenbar selbstgestellten Themen dieser Blätter auszeichnet, ist die eigensinnige Unbekümmertheit, mit der Ziegler seine realitätsfernen Inventionen auf tatsächliche oder potentielle Bauplätze zu beziehen versucht. Den an Kunstakademien üblichen Preisaufgaben nacheifernd, legt sich der biedermeierliche Vorstadtpädagoge phantasievolle, fiktiv "wienerische" Planungsgelegenheiten zurecht: utopisch genug, um architektonische Großartigkeit zu garantieren, zugleich aber topographisch ausreichend definiert, um das bodenständige Publikum direkt anzusprechen. Ähnliches war wohl auch im Falle dieser prächtigen, in Kavaliersperspektive dargestellten Schloß- und Parkanlage beabsichtigt. Es geht um eine k. k. Jagd-Burg, die - auf dem Areal des Lainzer Tiergartens neugeplant - wohl weniger den zeitgenössischen Bequemlichkeiten einer weidmännischen Hofgesellschaft als den Repräsentationsbedürfnissen einer absolutistischen Barockresidenz entsprochen hätte: kein klassizistischer Vorläufer der Hermesvilla also, sondern ein für 1835 völlig unzeitgemäßes "zweites Schönbrunn". Ein nicht geringer Teil des wildreichen Waldbestandes zwischen Mauer und Mariabrunn wäre dem geometrischen Rastersystem eines ausgedehnten Zier- und Lustgartens geopfert worden, der so viel enthält, als ein etwas verzopfter Zeichenlehrer mit unleugbarer Schönbrunn-Erfahrung zum Thema "jardin à la française" sich auszudenken vermochte: großes Parterre mit Fontäne und Gloriettehügel in der Mittelachse; Boskette, Bassins und Irrgärten zwischen streng beschnittenen Alleen und Hecken. Das eigentliche Jagdrevier - hie und da von modischen Tempelchen akzentuiert - erstreckt sich außerhalb des Schloßparks bis in die fernen Hügelketten des Wienerwaldes. Auch die Schloßarchitektur selbst entspricht noch Idealvorstellungen des 18. Jahrhunderts. Ein fast ornamental wirkendes Grundrißmuster bestimmt nicht nur das reichgegliederte Hauptgebäude, sondern auch den Ehrenhof mit dem kurvig-winkeligen Verlauf seiner terrassengedeckten Communs und Torbauten. Das Corps-de-logis setzt sich aus einschwingenden Mittelteilen, seitlich ausladenden Hoftrakten und pavillonartigen Eckrisaliten zusammen; in der Mitte der Eingangsseite wird es von einer vortretenden Kuppelrotunde dominiert. Die Kombination von genutetem Sockel und kolossalen Wandsäulen, vor allem aber die Pavillondächer lassen Anregungen durch französische Vorbilder (etwa durch Stichwerke Boffrands und Blondeis) vermuten. Letztlich könnte sich die Gesamtidee aber doch vom Michaelertrakt der Wiener Hofburg ableiten: Zu dessen Vollendung waren ja noch um 1800 Projekte entstanden, die - durch die Vorgaben Fischer von Erlachs bedingt - jene retrospektiven Stiltendenzen aufweisen, von denen der Architekturgeschmack Zieglers geprägt ist. Zusammenhänge stehen insofern außer Zweifel, als er sich selbst in einem anderen Blatt (Historisches Museum, Inv. Nr. 54300/2) mit dem Thema der Michaelerfront auseinandersetzte und dabei zu Resultaten gelangte, die den Bauformen der Jagd-Burg weitgehend gleichen.


Richard Bösel


Literatur: Constant von WURZBACH, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Bd. 60 (Wien 1891), S. 61.
Renata KASSAL-MIKULA, Architektur zwischen Klassizismus und Historismus. In: Wien 1815-1848. Bürgersinn und Aufbegehren. Die Zeit des Biedermeier und Vormärz. Hrsg. von Robert Waissenberger (Wien 1986), S. 139.
Richard Bösel, Der Michaelerplatz in Wien - seine städtebauliche und architektonische Entwicklung. Eine Ausstellung des Kulturkreises Looshaus und der graphischen Sammlung Albertina.Looshaus, 13. Dezember 1991 bis 15. Februar 1992 (Wien 1991), S. 113 f.