"Les livres du roy Modus et de la Reine Ratio"

In: alles jagd...eine kulturgeschichte. Kärntner Landesausstellung im Schloß Ferlach vom 26. April bis 26. Oktober 1997. Katalogbuch. Herausgegeben vom Land Kärnten. Kärntner Landesausstellung unter Leitung von Günther Hödl und Hartwig Pucker. Redigiert von Gabriele Guntsche-Liessmann und Daniela Schurian. – Klagenfurt: Kärntner Landesausstellungsbüro 1997. XVI, 700. 4°. Objekt-Nr.: R. 18.28, S. 552.

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Leihgeber: Akademische Druck- und Verlagsanstalt (Graz, Steiermark)

© Ulrich Peter Schwarz


Henry de Ferrières; Frankreich; zwischen 1354 und 1376/1377
Pergament, Faksimile; Höhe 32 cm, Breite 22 cm, Tiefe 4 cm

Neben dem "Livre de la chasse" von Gaston Fébus bilden die Livres du roy Modus et de la reine Ratio des aus einer der einflußreichsten Familien der Normandie stammenden, jedoch bislang nicht zweifelsfrei zu identifizierenden Henry de Ferrières einen Höhepunkt in der Entwicklung der europäischen mittelalterlichen Jagdliteratur. Maß (Modus) und Vernunft (Ratio) treten personifiziert auf und beschäftigen sich in einem ersten Teil (Le livre de déduits) mit Jagd, Bogenschießen, Fang von Tieren mit Fallen, Beizjagd und Vogelfang, und in einem zweiten (Le Songe de pestilence) mit Gesellschaft und Ereignissen um König Karl V. von Frankreich (1364-1380). Das Werk ist bis heute in 34, zum Teil mit Miniaturen geschmückten Handschriften überliefert, von denen drei den ersten Teil nicht enthalten. Das Buch zeigt u.a. eine lebendige mittelalterliche Darstellung des Vogelfangs mit dem Kloben, der bevorzugt in den Herbstmonaten September bis Oktober ausgeübt wurde. Die Vogelfänger bauten sich z. B. in einem Weingarten eine Fanghütte, in der mehrere Vogelfänger Platz hatten. Drosseln, die bevorzugt gefangen wurden, wurden mit einem Kauz angelockt. Das Fangwerkzeug war der Kloben, ein gespaltener Stab, der durch eine Zugschnur ruckartig zusammengezogen wurde, wenn sich ein Vogel darauf setzte. Der Kloben ist, in abgewandelter Form, bis in die heutige Zeit als selbstauslösende Klemmfalle erhalten geblieben. Damit stellt er neben Vogelleim, Schlingen und Netzen eine der längstgedienten Jagd- und Vogelfangutensilien dar. Dargestellt ist hier der Vogelfang mit dem Kolben aus dem Jagdtraktat Henry de Ferrieres. Deutlich erkennt man den gespaltenen Stab und die Spannschnur, mit der die Stäbe zusammengezogen wurden.


Josef C. Feldner, Günther Hödl


Zum Katalog: Jagdzeit. Österreichs Jagdgeschichte. Eine Pirsch


Literatur: Le livre du Roy Modus. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Original-Format der Handschrift Folio 1 bis 105 aus Ms. 10.218-19 aus dem Besitz der Bibliothèque Royale Albert I., Bruxelles (= Codices selecti 91, Graz 1989).
Sigrid SCHWENK, Jagdtraktate. In: Lexikon des Mittelalters 5, Sp. 272f.