Das Kloster St. Blasien nach dem Wiederaufbau unter Fürstabt Martin II. Gerbert

Das Kloster St. Blasien nach dem Wiederaufbau unter Fürstabt Martin II. Gerbert

In: Schatzhaus Kärntens. Landesausstellung St. Paul 1991. 900 Jahre Benediktinerstift. Teil 1: Katalog. Herausgegeben vom Ausstellungskuratorium. Redigiert von Hartwig Pucker. – Klagenfurt: Universitäts-Verlag Carinthia 1991. 525. 8°. Objekt-Nr.: 16.9, S. 290.

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Leihgeber: Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal (Kärnten)
Das Kloster St. Blasien nach dem Wiederaufbau unter Fürstabt Martin II. Gerbert

© Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal


Künstler unbekannt, Ende 18. Jahrhundert
Kolorierte Federzeichnung auf Papier, Höhe 53/Breite 91 cm

Nach der verheerenden Brandkatastrophe des Jahres 1768 dachte man kurzzeitig auch daran, das Kloster in das eigene Gebiet der Abtei, nämlich die reichsunmittelbare Herrschaft Bonndorf zu verlegen; dieser Plan wurde jedoch vor allem auch mit Rücksicht auf den Wiener Hof schon bald wieder aufgegeben. Statt dessen ließ Fürstabt Martin II. Gerbert (1764-1793) in einer Rekordzeit von nur knapp vier Jahren die Klostergebäude im wesentlichen unter Verwendung der alten Umfassungsmauern durch den französischen Baumeister Pierre Michel d'Ixnard und den fürstlich-fürstenbergischen Baudirektor Franz Joseph Salzmann wiedererrichten. Die Stukkaturen schuf Luigi Bossi, der bedeutendste Stukkateur des Frühklassizismus in Süddeutschland; die figürliche Ausstattung erfolgte unter anderem durch den aus dem nahegelegenen Blasiwald gebürtigen Franz Joseph Hörr. Besondere Sorgfalt widmete Martin Gerbert dem äußeren und inneren Aufbau der durch drei Stockwerke reichenden Bibliothek. An die Stelle des im Kern romanischen, jedoch später vielfach umgestalteten Neuen Münsters trat nunmehr allerdings in den Jahren 1772- 1778/79 nach den Plänen d'Ixnards, dem Salzmann dabei zur Seite stand, eine völlig neue Klosterkirche. Es ist dies der vom Pantheon in Rom mitinspirierte und ohne französischen Einfluß nicht denkbare Kuppelbau mit anschließendem längsrechteckigem Mönchschor, der im Kern heute noch erhalten ist. Kuppelkonstruktion und Zierkuppel waren das Werk des kurpfälzischen Baudirektors Nicolas de Pigage; das gewaltige hölzerne Dachstuhlwerk schuf ein einheimischer Zimmermeister. In einer Gruft hinter dem Chorende fanden die bereits 1770 von Königsfelden/Aargau und Basel nach St. Blasien überführten Gebeine früher Habsburger ihre Ruhestätte.
Von der reichen Innenausstattung der Kirche, die sich weit über die im Jahre 1783 erfolgte feierliche Einweihung hinauszog, kann nur einiges erwähnt werden: Stuck von Luigi Bossi und Johann Kaspar Gigell, Marmorierung ebenfalls von Gigell; Deckengemälde, Gemälde über dem Choreingang und Seitenaltäre von Johann Christian Wentzinger; farbige Glasgemälde des 16. Jahrhunderts (jedenfalls zum Teil nach Entwürfen von Hans Baldung Grien), die man aus der 1782 aufgehobenen Kartause bei Freiburg übernommen hatte und nun durch zwei Klosterbrüder umfangreich erweitern ließ; prachtvolle Orgel des Johann Andreas Silbermann; Chorgitter von dem baden-durlachischen Hofschlosser Carl Hugenest; Chorgestühl nach einem Entwurf von Nicolas de Pigage durch einen weiteren Klosterbruder; Bildhauerarbeiten von Franz Joseph Hörr.
Nur weniges von der alten Herrlichkeit ließ ein erneuter Großbrand von 1874 - in die Klostergebäude waren mittlerweile Fabriken eingezogen - übrig. Bis in unsere Tage dauerten die Einfühlsam vorgenommenen Wiederaufbau- und Restaurierungsarbeiten.


Johannes Gut


Literatur: Hans Jakob WÖRNER, Das Schicksal der Klostergebäude im Laufe der Jahrhunderte. In: Das tausendjährige St. Blasien. 200 jähriges Domjubiläum. Ausstellung im Kolleg St. Blasien, Abteiflügel, vom 2. Juli bis 2. Okt. 1983. Hrsg. Histor. Ausstellung Kloster St. Blasien 1983 e.V (Karlsruhe 1983), Bd. II: Beiträge, S. 87-132 (S. 106-122).
Hans Jakob WÖRNER, Bemerkungen zur Baugeschichte. In: St. Blasien. Festschrift aus Anlaß des 200jährigen Bestehens der Kloster- und Pfarrkirche (München 1983), S. 195-208.
Hans Jakob WÖRNER, Zur Baugeschichte der barocken Klosteranlage und des Domes in St. Blasien. In: Badische Heimat 63 (1983), S. 487-496.
Erich FRANZ, Pierre Michel d'Ixnard 1723-1795. Leben und Werk (Weißhorn 1985).
Johannes GUT, Die Farbfenster der frühklassizistischen Klosterkirche St. Blasien. In: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg XXV (1988), S. 108-159.
Hermann BROMMER, St. Blasien/Schwarzwald (München 30. Aufl. 1989).
FEYERLICHKEIT des in dem fürstlichen Stift St. Blasien eingeweihten neuen Tempels (St. Gallen 1784).
Franz Xaver KRAUS, Die Kunstdenkmäler des Großherzogthums Baden, Bd. III: Kreis Waldshut (Freiburg 1892), S. 68-107.
Ludwig SCHMIEDER, Das Benediktinerkloster St. Blasien. Eine baugeschichtliche Studie (Augsburg 1929), S. 146-219, Abb. 52-79, 105-112, Anhang 9-12.
Ludwig SCHMIEDER, Das ehemalige Benediktinerkloster St. Blasien (Karlsruhe 2. Aufl. 1936), S. 24-27.
Lise Lotte VOSSNACK, Pierre Michel d'Ixnard (Frankfurt a. M. 1938).
Josef ADAMEK, Hans Jakob WÖRNER, St. Blasien im Schwarzwald (München 1978).
Hans Jakob WÖRNER, Die Architektur des Frühklassizismus in Süddeutschland (München 1979), S. 79-109, S. 197-201.
Hermann BROMMER, Bauleute und Künstler am Dombau der Benediktinerabtei St. Blasien. In: St. Blasien. Festschrift aus Anlaß des 200jährigen Bestehens der Kloster- und Pfarrkirche (München 1983), S. 195-208.