Grosses Reliquienkreuz: sogenanntes Adelheidkreuz

Grosses Reliquienkreuz: sogenanntes Adelheidkreuz

In: Schatzhaus Kärntens. Landesausstellung St. Paul 1991. 900 Jahre Benediktinerstift. Teil 1: Katalog. Herausgegeben vom Ausstellungskuratorium. Redigiert von Hartwig Pucker. – Klagenfurt: Universitäts-Verlag Carinthia 1991. 525. 8°. Objekt-Nr.: 5.1, S. 99.

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Leihgeber: Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal (Kärnten)
Grosses Reliquienkreuz: sogenanntes Adelheidkreuz

© Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal


Süddeutsch; Vorderseite zwischen 1077 und 1108 mit jüngeren Ergänzungen, Rückseite zwischen 1141 und 1170, Fassung der Kreuzreliquie zwischen 1672 und 1695/1696. Originaler Holzkern: Rüster oder Ulme (seit der Restaurierung 1959/1960 gesondert verwahrt); Kreuzfassung: Gold und Silber, Filigran, 24 antike Gemmen, 3 Skarabäen, 147 Edel- und Halbedelsteine, Glasflüsse, Perlen, 1 Brakteat, Reliquien in Seidenstoffen, beschriftete Pergamentstreifchen; Fassung der Kreuzreliquie: vergoldetes Kupfer; Höhe 82,9/Breite 65,4/Tiefe 7,4-7,8 cm.

Gemäß der Inschrift auf der Kreuzrückseite und Aufzeichnungen im "Liber constructionis" machte Königin Adelheid von Ungarn, Tochter Rudolfs von Rheinfelden und (seit 1077) Gemahlin König Ladislaus I. von Ungarn, Abt Giselbert von St. Blasien (1068-1086) eine große Kreuzreliquie und gleichzeitig 70 Goldstücke für die Herstellung einer würdigen Fassung zum Geschenk. Die Schenkung der Kreuzpartikel und die mittelbare Stiftung des Reliquienkreuzes dürfte mit der politischen Situation, in der sich Adelheids Familie in den späten 70er Jahren des 11. Jahrhunderts befand, in Beziehung stehen: Rudolf von Rheinfelden war 1077 von der kirchlichen Partei zum Gegenkönig Heinrichs IV. gewählt worden. Rudolf war aber nicht im Besitz der Reichskleinodien, damit war ihm auch das Reichskreuz nicht zugänglich. Das Adelheidkreuz sollte offensichtlich für eben dieses Reichskleinod einen Ersatz bilden, ihr steht das Adelheidkreuz in Größe und Typus nahe. Zudem weist die von Adelheid geschenkte Reliquie wie die Kreuzreliquie im Reichskreuz ein Loch auf, was bei beiden Partikeln übereinstimmend damit erklärt wird, daß es sich bei der Reliquie um jenes Stück vom Kreuz Jesu handelt, an dem eine Hand des Herrn angenagelt war. Wie Norbert WIBIRAL jüngst betonte, ließ sich Rudolf auch einen Ersatz für die Reichskrone schaffen, die seinem Zugriff ja gleichfalls entzogen war; mit dem im elsässischen Kloster Ebersheimmünster heimlich für den Gegenkönig hergestellten Insigne dürfte dieser 1077 gekrönt worden sein. (Auf seiner Grabplatte im Merseburger Dom ist Rudolf mit einer doppelbügeligen Krone sowie mit Zepter und Reichsapfel dargestellt.)
Möglicherweise wurde das Adelheidkreuz schon unter Abt Giselbert begonnen, die Vollendung des Kreuzes erfolgte aber erst unter Giselberts Nachfolger, Abt Uto (1086-1108), denn dieser war auf dem - im 19. Jahrhundert verlorengegangenen - Kreuzfuß als Auftraggeber genannt.
Nach dem Tod Rudolfs (1080 in der Schlacht an der Elster gegen Heinrich), dem Tod Adelheids (1090) und dem darauffolgenden Sturz des Geschlechts scheint die Kreuzreliquie ihre Bedeutung verloren zu haben. Es kamen sogar Zweifel an ihrer Echtheit auf. Möglicherweise wurde die Partikel damals aus dem Kreuz entfernt. Erst Abt Gunther (1141-1170) konnte mittels eines Gottesurteils die Authentizität der Reliquie nachweisen. Er ließ in der Folge die Kreuzrückseite erneuern (Abt Gunther ist dort als Stifter des Kreuzes genannt und dargestellt). Damals mag auch die Partikel wieder in das Kreuz eingesetzt worden sein, jedenfalls scheint die Mittelplatte der Kreuzvorderseite neu gestaltet worden zu sein (Hinzufügung der vier Steine in glatten Pyramidenfassungen). Im folgenden ist zwischen der eigentlichen Fassung der Partikel (eingelassen in die Vierung der Kreuzvorderseite) und dem Reliquienkreuz als solchem zu unterscheiden. Die originale Fassung der Partikel ist verloren, aber in etwa rekonstruierbar: Die länglichen Ausnehmungen in den auf den Kreuzbalken aufgesetzten Stegen lassen darauf schließen, daß die ursprüngliche Fassung „mobil“ war, also aus dem großen Kreuz gelöst und in dieser Form liturgisch (z.B. in Prozessionen) verwendet werden konnte. Im großen Kreuz wurde sie offensichtlich durch vier Riegel fixiert. Die ursprüngliche Fassung wird die Partikel zur Gänze verhüllt haben; lediglich in der Vierung mag sich ein Bergkristallcabochon befunden haben, der einen Blick auf die Reliquie zuließ. In formaler Hinsicht wird diese Fassung die erhabenen Stege der Kreuzbalken bis zum Zentrum hin fortgesetzt, der Cabochon im Zentrum mit den Steinen an den Balkenenden korrespondiert haben. Ob die verlorene Originalfassung unter Abt Gunther fix in das große Kreuz eingelassen wurde (was die Riegel überflüssig machte), ist nicht mehr klärbar.
In der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts könnte die Partikel eine neue Fassung erhalten haben. Auch diese ist verloren, doch mag die erhaltene Fassung eine Kopie der zweiten Fassung sein: Demnach könnte die Stärke der Partikel im 13. Jahrhundert mit einem Metallstreifen eingefaßt, ihre Vorderseite mit Bergkristallplatten bedeckt und somit die Reliquie in toto sichtbar gemacht worden sein.
Ab 1688 entstand im Auftrag von Abt Roman Vogler (1672-1695) eine Kopie des Adelheidkreuzes. In diese wurde die Partikel 1696 unter Abt Romans Nachfolger, Abt Augustin Fink, übertragen, allerdings ohne ihre mittelalterliche Fassung. Diese ist verloren. Beim barocken Adelheidkreuz dürfte die Partikel wiederum eine eigene, aus dem Kreuz herauslösbare Fassung besessen haben.
In das alte Adelheidkreuz wurde eine "Ersatzreliquie" eingesetzt: kreuzförmig montierte Holzstücke, in welche zwei Späne - von der originalen Reliquie ? - eingelassen worden waren. Die einfache Fassung dieser "Ersatzreliquie" könnte eine Kopie der verlorenen Fassung des 13. Jahrhunderts (?) (s.o.) sein. 1809 kamen das alte und das neue Adelheidkreuz nach St. Paul. Seit 1810 ist die Barockkopie verschollen; wahrscheinlich wurde sie in diesem Jahr nach Wien abgeliefert und dort eingeschmolzen (Kriegskontributionen an Napoleon). Auf das Aussehen des barocken Adelheidkreuzes läßt ein Kupferstich von 1734 schließen. Vor der zu vermutenden Abgabe des Barockkreuzes wurde die Kreuzpartikel samt ihrer Barockfassung eingesetzt. Das dritte Adelheidkreuz steht noch in liturgischer Verwendung.
Das hochmittelalterliche Adelheidkreuz erfuhr im Laufe seiner Geschichte zahlreiche Beschädigungen; 1958-1960 erfolgte eine durchgreifende Restaurierung durch Otto NEDBAL (Übertragung der Metallplatten auf einen neuen Holzkern, Fixierung aller Teile der Rückseiten- und Schmalseitenverkleidung auf neuen Trägerplatten, Festigung der Steinfassungen, teilweise Erneuerung der Reliquienfassung).


Martina Pippal


Literatur: Hermann FILLITZ, Das Adelheid-Kreuz aus St. Blasien. In: Schatzhaus Kärntens. Landesausstellung St. Paul 1991. 900 Jahre Benediktinerstift. Teil 2: Beiträge. Redigiert von Johannes Grabmayer. Schriftleitung Günther Hödl. Hrsg. vom Ausstellungskuratorium (Klagenfurt 1991), S. 665-680.
Die Kunstdenkmäler des Benediktinerstiftes St. Paul im Lavanttal und seiner Filialkirchen. Mit Beiträgen von Franz Balke. Berab. von Karl Ginhart (= Österreichische Kunsttopographie 37, Wien 1969), S. 217-224, Abb. 300-305.
Hermann FILLITZ, Das Adelheid-Kreuz aus St. Blasien. In: Das tausendjährige St. Blasien. 200 jähriges Domjubiläum. Ausstellung im Kolleg St. Blasien, Abteiflügel, vom 2. Juli bis 2. Okt. 1983. Hrsg. Histor. Ausstellung Kloster St. Blasien 1983 e.V, Bd. II: Aufsätze (Karlsruhe 1983), S. 213-228.
Hermann FILLITZ, Martina PIPPAL, Schatzkunst. Die Goldschmiede- und Elfenbeinarbeiten aus österreichischen Schatzkammern des Hochmittelalters. (Salzburg 1987), Nr. 112 (mit der älteren Literatur).
Norbert WIBIRAL, Bemerkungen zum neuen Werk über früh- und hochmittelalterliche Schatzkunst aus österreichischen Kirchen und Klöstern. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 41 (1987), S. 149f.