Glockenkasel mit Heiligenfiguren und Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament

Glockenkasel mit Heiligenfiguren und Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament

In: Schatzhaus Kärntens. Landesausstellung St. Paul 1991. 900 Jahre Benediktinerstift. Teil 1: Katalog. Herausgegeben vom Ausstellungskuratorium. Redigiert von Hartwig Pucker. – Klagenfurt: Universitäts-Verlag Carinthia 1991. 525. 8°. Objekt-Nr.: 2.8, S. 58.

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Leihgeber: Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal (Kärnten)
Glockenkasel mit Heiligenfiguren und Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament

© Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal


Südwestdeutschland, 2. Viertel des 12. Jahrhunderts.
Leinen, vollflächig mit Leinen bestückt, geschlossener Kreuznahtstich (Hintergründe, Figuren) und Kettstich (Konturen, Schriftbänder); Höhe 159,4 cm (rückwärtig)

Die Glockenkasel ist aus einem vorne zusammengenähten, annähernd halbkreisförmigen Stoffstück angefertigt. Dieses besteht aus einer 118 cm breiten Bahn, an die seitlich und an der unteren Kante kleinere Stoffteile angesetzt sind, wie es auch bei seidenen Glockenkaseln vorkommt (Der Grundstoff konnte bei der Konservierung der Kasel untersucht werden, die im Jahre 1989 von Frau Gisela ILLEK und den Mitarbeiterinnen der Abgegg-Stiftung in Riggisberg durchgeführt wurde). Diese Grundform des Gewandes wurde im ausgebreiteten Zustand bestickt, und zwar so, dass die Stichlagen in der Kettrichtung verlaufen. Anschließend wurde das Gewand abgefüttert und die vordere Naht geschlossen. Weiters dürften an der Kasel keine wesentlichen Änderungen vorgenommen worden sein.
Die Gesamtfläche ist in ein Netz von quadratischen Feldern eingeteilt. In 34 vollständigen oder vom Rand angeschnittenen Bildfeldern erscheinen szenische oder figürliche Darstellungen, in den restlichen vier ein Bäumchen, ein Drache, ein Vogel und ein Basilisk. Die Rahmenleisten bestehen aus Abschnitten von je acht kleinen Quadraten mit einer Vielfalt von geometrischen Motiven. Die Eckquadrate sind durch Pflanzen oder Tiere hervorgehoben. Den Saum bilden 35 Medaillons mit Halbfiguren.
Inschriften in den Bildfeldern (elegante Kombination der kapitalen und unzialen Schrift des 12. Jahrhunderts) helfen das ikonographische Programm zu lesen. Seit der Zeit der ersten Konzile haben die Liturgiker einzelnen Messgewändern symbolische Bedeutung gegeben, in denen verschiedene inhaltliche Aspekte der Messfeier zum Ausdruck kamen ("expressio mysticae significationis" bei Walhafried Strabo). Den Darstellungen an unserer Kasel liegt von den zahlreichen Deutungen offenbar diejenige zugrunde, welche in dem geschlossenen Gewand ein Symbol der Einheit des Glaubens der alten und der neuen Kirche sieht; Wilhelm Durandus (Rationale divinorum officiourm III, Kap. 7/ 7) schreibt: "Quod autem casula unica et integra, et undique casula est, significat fidei unitatem et integritatem: veruntamen in extensione manuum in anteriorem et posteriorem partem quodammodo dividetur designans antiquem ecclesiam, quae passionem Christi praecessit: et novam, quae Christi passionem subsequitur."
12 alttestamentliche Szenen in den unteren Bildreihen hinten und heraldisch rechts sind mehr oder weniger geläufige typologische Entsprechungen zu acht neutestamentlichen Szenen oben, während sechs Propheten, Job und Balaam durch ihre Spruchbänder, den Glauben des alten Bundes an den Erlöser ausdrücken (z.B. "Ich weiß, daß mein Erlöser lebt" bei Job). Die eschatologische Dimension des Programms kündigt sich im thronenden Christus vorne heraldisch links und 20 Heiligen als himmlische Fürsprecher des Klosters St. Blasien an. Blasius und Vinzenz waren die Titularheiligen der Klosterkirche, dem heiligen Nikolaus wurde die Friedhofskapelle geweiht und dem heiligen Stephanus die Pfarrkirche außerhalb des Klosterareals. Benedikt war nicht nur der geistige Vater der Mönche, sondern auch der Patron der Spitalskapelle. Die Heiligen Gallus, Felix und Regula hatten ihre Altäre in der Klosterkirche. Die Figur des heiligen Pantaleon hängt vermutlich mit der Verbrüderung St. Blasiens mit St. Pantaleon in Köln zusammen. Diese und die übrigen Heiligen kommen in der st.-blasianischen Litanei vor. Einzig für die Darstellungen der Heiligen Oswald und Erasmus muß es andere Gründe gegeben haben.
Ein Kranz von 36 Medaillons mit Halbfiguren am unteren Saum grenzt die Komposition und das Programm ab. Vorne sind es die 12 Apostel und der heilige Paulus, denen hinten die 12 kleinen Propheten entsprechen. An der rechten Seite erscheinen die Evangelisten Lukas und Markus (Johannes und Matthäus befinden sich unter den Aposteln) sowie Konstantin, Helena und der vermeintliche Klostergründer, Kaiser Otto der Große. Den letzteren entsprechen drei königliche Gestalten des Alten Testaments, Josias, Ezechias und Esther auf der heraldisch linken Seite, zu denen sich - als Pendants zu den zwei Evangelisten - Elisabeth und Zacharias gesellen.
Die Medaillons sind durch Klammern verbunden und bilden eine regelrechte Kette, die einzig vorne unterbrochen ist. Offenbar war ursprünglich auch zwischen den vordersten zwei Medaillons eine Verbindung vorgesehen. Das deformierte und unvollständige linke Medaillon sollte auf die andere Seite der Vordernaht übergreifen, wo es dafür einen ausgesparten Platz gibt. Warum es nicht so ausgeführt wurde, ist nicht klar. Vom Mißverstehen des Entwurfs zeugt außerdem die als "Mathias" beschriftete Halbfigur. Ihre Position zwischen Petrus und Paulus sowie ihr Gestus deuten eindeutig darauf hin, daß sie eigentlich Christus darstellen sollte. Auch der andersartige Schriftcharakter verrät, daß die Bezeichnung "Mathias" nicht zum ursprünglichen Entwurf gehörte. Das umfassende theologische Programm wie auch die Qualität des Entwurfs und der Stickerei zeigen, daß hier ein außerordentliches, jedoch nicht isoliertes Werk vorliegt. Der Klosterneuburger Ambo, die nur durch Beschreibung bekannten gestickten Wandbehänge im Kloster St. Ulrich und Afra in Augsburg, das typologische Fenster und das nicht erhaltene Kreuz des Abtes Suger von Saint-Denis sowie mehrere emaillierte Kreuze mit typologischen Szenen sind weitere Beispiele solch theologisch anspruchsvoller Kompositionen des 12. Jahrhunderts. Die Auswahl der Heiligen läßt darauf schließen, daß das Programm in oder zumindest für St. Blasien konzipiert und vielleicht auch ausgeführt wurde. Das Beispiel des in St. Ulrich und Afra tätigen Stickers Bereta zeigt, daß die Stickkunst nicht ausschließlich eine Frauendomäne war. Von der Hochschätzung der Kasel zeugt die Tatsache, daß man später eine zweite Kasel und ein Pluviale in gleicher Art anschaffte. Angesichts dieses Umstandes kann man sie mit dem Abt Berthold (1125-1141) in Beziehung setzen, dessen Verdienste um den Schmuck und die Einrichtung der Kirche im Sanktblasier Nekrologium klar hervorgehoben sind: "In acquirendis autem ornamentis ecclesie et aliis utensilibus loci tam studiosus fuit, ut merito et ab incolis huis loci pax er requies iugiter aptetur (MG, Necrologia I, Berlin 1888, S. 329.). Die Qualität der Stickerei ist so hoch, daß wir keine Stilverspätung - etwa gegenüber der Miniaturmalerei - einzurechnen brauchen.


Karel Otavsky


Literatur: Betty KURTH, Die deutschen Bildteppiche des Mittelalters (Wien 1926), S. 30.
Dora HEINZ, Die gestickten mittelalterlichen Gewänder aus St. Blasien. In: Schatzhaus Kärntens. Landesausstellung St. Paul 1991. 900 Jahre Benediktinerstift. Teil 2: Beiträge. Redigiert von Johannes Grabmayer. Hrsg. Ausstellungskuratorium (Klagenfurt 1991), S. 681-687 (mit weiterführender Literatur).