Der heilige Benedikt in der Höhle von Subiaco

Der heilige Benedikt in der Höhle von Subiaco

In: Schatzhaus Kärntens. Landesausstellung St. Paul 1991. 900 Jahre Benediktinerstift. Teil 1: Katalog. Herausgegeben vom Ausstellungskuratorium. Redigiert von Hartwig Pucker. – Klagenfurt: Universitäts-Verlag Carinthia 1991. 525. 8°. Objekt-Nr.: 2.7, S. 56.

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Leihgeber: Benediktinerstift Admont (Steiermark), Codex Admontensis 289, fol. 80v
Der heilige Benedikt in der Höhle von Subiaco

© Benediktinerstift Admont


Salzburg (?), Mitte oder 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Kolorierte Federzeichnung auf Pergament, Höhe 10, Breite 10cm; Codex: Pergament, 133 Blätter, ca. Höhe 24,5/Breite 16,5 cm, Schriftspiegel: ca. Höhe 18/Breite 10,5 cm

Der Kodex Nr. 289 der Stiftsbibliothek Admont ist einspaltig beschrieben und weist pro Seite 18 Zeilen auf Blindlinierung auf. Auf folio 3r-115r findet sich eine Auswahl aus den "Orationes" (Gebeten) und "Meditationes" (Betrachtungen) des Anselm von Canterbury, denen eine Widmung des Verfassers an die Markgräfin Mathilde von Tuszien vorangestellt ist. Die meisten von diesen 16 "Betrachtungen" (folio 115r: die Texte werden summarisch als "meditationes" bezeichnet) sind in Form von Gebeten an Gottvater und Jesus Christus sowie an die Heiligen Maria, Petrus, Paulus, Johannes (Täufer und Evangelist), Stephanus, Nikolaus, Benedikt und Maria Magdalena gerichtet.
Die Handschrift war ursprünglich wohl für ein Frauenkloster bestimmt, doch vermag die in der Literatur übliche Zuweisung an Traunkirchen (Oberösterreich) nicht zu überzeugen. Die zu dem Gebetstext "De sancto Paulo" gehörige Miniatur (folio 44v) legt vielmehr die Annahme nahe, daß der Kodex (oder zumindest dessen künstlerische Ausstattung) für ein Ordenshaus hergestellt wurde, das den heiligen Paulus als Patron verehrt hat; Traunkirchen war jedoch der Gottesmutter Maria geweiht. Wann und auf welchem Weg Codex 289 nach Admont kam, ist unbekannt. In den Bibliothekskatalogen von 1376 und 1380 wird er nicht angeführt, im Katalog von 1728 ist er von erster Hand eingetragen.
Die auffallend reiche künstlerische Ausstattung der Handschrift besteht neben der auf die Widmung bezogenen Titelminiatur aus elf, meist etwa halbseitigen Federzeichnungen, die aber nur in einem übertragenen Sinn als Illustrationen der Anselm-Texte gelten können. Die Bilder lassen nämlich im Unterschied zu den "meditativen" Gebeten und Betrachtungen eine ausgesprochen "narrative" Konzeption erkennen. Sie stellen fast durchwegs Szenen mit dramatischen Handlungsabläufen dar, auf die in den "meditationes" nicht immer ausdrücklich Bezug genommen wird. Das Ausstattungsprogramm erweist sich demnach als weitgehend eigenständiger Bilderzyklus, der zu den Anselm-Texten als zusätzliche Quelle betrachtender Erbauung hinzutritt. Diese Feststellung gilt in besonderem Maße für jene Miniatur, die den heiligen Benedikt als Einsiedler in der Höhle von Subiaco zeigt. Dieses Bild steht zwar im Buch innerhalb der Betrachtung "De sancto Benedicto" (folio 80r-83r; Druck bei Migne Patrologia Latina 158, Sp. 1005-1007), weist aber damit keinen direkten inhaltlichen Zusammenhang auf. In der "meditatio" wird Benedikt ausdrücklich als Verfasser der Mönchsregel und Lehrmeister des klösterlichen (Gemeinschafts-)Lebens angesprochen, dessen Führung und Schule sich der Beter in dem Bemühen anvertraut, ein wahrer "Soldat Christi" zu werden, das Bild hingegen zeigt den heiligen als jugendlichen Eremiten, der sich in die Einsamkeit zurückgezogen hat, um hier einen neuen Abschnitt seines Lebens zu beginnen und den Weg zum Mönchtum einzuschlagen.
Die Art der Darstellung läßt eindeutig erkennen, welcher Text dem Zeichner hier tatsächlich als Illustrationsgrundlage gedient hat. Die rechts am Rand des Bildes stehende Mönchsgestalt ist über ihrem Haupt mit dem Namen "Romanus" bezeichnet, während links ein Teufel mit einer Glocke zu sehen ist; deutlich erkennbar ist weiters auch, daß der in der Bildmitte vor einem als Höhle zu deutenden Hintergrund knieende Benedikt gerade etwas in Empfang nimmt, das ihm von Romanus an einem Strick hinuntergelassen wird. Wir haben es hier also mit einer Schilderung jener Begebenheit zu tun, die Gregor der Große in seinen "Dialogen" (2. Buch, 1. Kapitel; Druck bei Migne Patrologia Latina 66, Sp. 128-130) erzählt:
„Als der Mann Gottes (Benedikt) an diesem Ort (Subiaco) ankam, begab er sich in eine sehr enge Höhle und blieb dort drei Jahre lang den Menschen verborgen, ausgenommen dem Mönch Romanus ... Zu dieser Höhle gab es von der Zelle des Romanus keinen Zugang, weil darüber ein hoher Felsen hinausragte; aber von diesem Felsen ließ Romanus immer wieder ein Brot hinuntergelangen, das an einem sehr langen Seil angebunden war. In den Strick tat er ein kleines Glöckchen hinein, damit der Mann Gottes wusste, wann ihm Romanus ein Brot zukommen ließ, und herauskam, um es in Empfang zunehmen. Der alte Feind (der Teufel) aber sah den Liebesdienst des Einen und die leibliche Stärkung des Anderen missgünstig an, und als er eines Tages bemerkte, wie gerade ein Brot hinuntergelassen wurde, warf er einen Stein und zerbrach das Glöckchen. Romanus aber ließ dennoch nicht davon ab, (dem heiligen Benedikt) in geeigneter Weise dienstbar zu sein“.
Dass es dem Künstler nun freilich nicht um eine bloße Illustration dieses Textes zu tun war, dessen Kenntnis er bei den Betrachtern seines Bildes voraussetzen konnte, zeigt sich an einigen Besonderheiten der Darstellung: Weder der im Bild links unten mit einem runden Gegenstand im Schnabel wegfliegende Rabe noch die drei Spruchbänder, die über Benedikts Schulter, am oberen Höhlenrand und im Arm des Romanus zu sehen sind, stehen in einer ursprünglichen Verbindung mit der Erzählung von Benedikts Aufenthalt in Subiaco.
Der fliegende Rabe ist sicher nicht, wie neuerdings vermutet wurde, als Hinweis auf die wunderbare Speisung des Propheten Elias durch diese Vögel (3 Kg 17,6) aufzufassen, da gegen eine solche Deutung schon die Bewegungsrichtung des Raben spricht. Wir haben hier unzweifelhaft eine Anspielung auf eine weitere von Gregor dein Großen in seinen "Dialogen" (2. Buch, 8. Kapitel, Druck bei Migne Patrologia Latina 66, Sp. 148) berichtete Begebenheit vor uns, wonach ein solcher Vogel auf Befehl des Heiligen ein vergiftetes Brot weggetragen habe. Auch in diesem Fall wird die Kenntnis des Textes vorausgesetzt und der Blick somit von der im Bild geschilderten eremitischen Phase in Benedikts Leben auf dessen späteres Wirken gelenkt.
Von ganz besonderem Interesse sind sodann die drei erwähnten Spruchbänder, bei deren Text es sich jedoch - im Gegensatz zu der in der Literatur stets ohne nähere Begründung vorgebrachten Behauptung - keinesfalls um Zitate aus einem Hymnus handelt, wenn auch die hinzugesetzten Neumen zu einer derartigen Annahme verleiten könnten. Wir haben es hier vielmehr mit einzelnen Bibelworten (in einem Fall sogar mit einer regelrechten Textmontage) zu tun, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgenommen und in bemerkenswert assoziativer Weise mit dem Bild verknüpft sind.
Auf dem über Benedikts Schulter liegenden Schriftband ist zu lesen: "Sedebit solitarius et tacebit, quia levabit se super se" (Einsam soll er sitzen und schweigen, weil er sich über sich selbst erhoben hat). Hier liegt ganz offensichtlich ein wortwörtliches Zitat aus den "Lamentationes" des Propheten Jeremias vor (Klgl 3,28), wobei der Schlüssel für die Verbindung zwischen diesem Text und dem im Bild dargestellten heiligen Benedikt unschwer in dem Wort "solitarius" (einsam) zu finden ist.
Eine ähnlich assoziative Bezugnahme auf den Heiligen liegt weiters auch in dem Schriftband am oberen Höhlenrand vor, wo es heißt: "Benedictio et claritas et sapientia super caput eius" (Segen und Ruhm und Weisheit über sein Haupt). Der erste Teil dieses Spruches erweist sich als Zitat aus dem großen Lobpreis der Johannes-Offenbarung (7,12) der allerdings auf Gott selbst bezogen ist. Die drei letzten Wörter dürften hingegen eine Anspielung auf eine alttestamentliche Bibelstelle (etwa Ex 15,19 oder Num 6,7) enthalten, wo vom Haupt eines Menschen als dem Träger von Segen und Weihe die Rede ist. Der Konnex zwischen dem Schriftband und dem Bild wird hier mit dem auf den Namen "Benedikt" hinweisenden Begriff "benedictio" (Segen) hergestellt, der seinerseits in der Betrachtung "De sancto Benedicto" im Sinne des beliebten Wortspiels mehrmals aufscheint und so auch wieder auf den Anselm-Text zurückverweist.
Eine "indirekte Anspielung" von etwas anderer Art enthält schließlich auch noch jenes Schriftband, das der Mönch Romanus im linken Arm trägt. "Fera pessima" (Ein wildes Untier) ist hier zu lesen, womit unverkennbar eine Bezugnahme auf die bekannte Josephsgeschichte vorliegt, in der ein solcher Ausdruck zweimal vorkommt (Gen 37,20 und 33). In unserer Darstellung des heiligen Benedikt in der Höhle von Subiaco weist dieses Bibelwort nun aber in Verbindung mit der im Zeigegestus erhobenen rechten Hand des Romanus auf die Teufelsgestalt hin und soll vielleicht auf diese Weise eine subtile gedankliche Verbindung zwischen dem Patriarchen Joseph und dem Mönchsvater Benedikt herstellen. Mit der Einfügung all dieser "verfremdeten" Bibelzitate (vielleicht ist auch die Neumierung in diesem Sinne aufzufassen) bewirkt der Künstler unverkennbar eine gewisse Distanzierung von seiner vorhin beschriebenen Illustrationsvorlage, da er mit diesen Bezugnahmen in mehrfacher Hinsicht über das im Bild dargestellte Eremitendasein des heiligen Benedikt hinausweist und dieses zugleich in einen größeren heilsgeschichtlichen Zusammenhang stellt. So tut sich hier in der spannungsreichen Verbindung von Bild und Text ein gleichsam mehrdimensionales "Programm" auf, das sowohl einen meditativ-erbaulichen wie auch einen assoziativen und damit höchst unterhaltsamen Zugang zur Bedeutung und Gestalt des Heiligen bereithält.


Johannes Tomaschek


Literatur: Paul BUBERL, Die illuminierten Handschriften in Steiermark I: Die Stiftungsbibliotheken zu Admont und Vorau (Leipzig 1911), S. 35-38 (zur Benedikt-Miniatur S. 37).
Elisabeth DUBLER, Das Bild des hl. Benedikt bis zum Ausgang des Mittelalters. In: Benediktinisches Geistesleben. Zeugnisse und Abhandlungen aus dem Gebiet der Askese und Mystik V (St. Ottilien 1953), S. 107, S. 165 mit Abb. 34.
Otto PÄCHT, The illustrations os St. Anselms prayers ans meditations. In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 19 (1956), S. 68-82 (zur Benedikt-Miniatur S. 72 mit Pl. 20c).
Katalog 1500 St. Benedikt Patron Europas, ed. Johannes Neuhardt (Graz u.a. 1980), S. 152 (Kat. Nr. 134) mit Tafel II (Gregor Martin Lechner).
Dorothy Mayher SHEPARD, Twelfth-Century manuscripts of Anselm's prayers and meditations. A Thesis ... for the degree of Master of Arts (Sweet Bair College 1986), S. 62-64.