Porträt Hugo Wolfs

Porträt Hugo Wolfs

In: Schatzhaus Kärntens. Landesausstellung St. Paul 1991. 900 Jahre Benediktinerstift. Teil 1: Katalog. Herausgegeben vom Ausstellungskuratorium. Redigiert von Hartwig Pucker. – Klagenfurt: Universitäts-Verlag Carinthia 1991. 525. 8°. Objekt-Nr.: 25.46, S. 465.

Zum Anfang   Zurück   Vorwärts   Zum Ende

Fenster schließen


Leihgeber: Musikverein Slovenj Gradec (Slowenien)
Porträt Hugo Wolfs

© Musikverein Slovenj Gradec


Von Karel Pecko nach einer Photographie gemalt, 1960
Öl auf Leinwand, Höhe 110/Breite 80 cm

Hugo Wolf wurde am 13. März 1860 in Windischgraz geboren. Sein Vater Phillip war Lederhändler und gleichzeitig ein begeisterter Amateurmusiker. Er brachte dem fünfjährigen Hugo die ersten Begriffe im Klavier- und Violinspiel bei. Die Fortschritte müssen so außerordentlich gewesen sein, daß Phillip seinen Sohn für ein Wunderkind hielt. Als Vater Wolf im Fasching 1866 mit seinem kleinen Salonorchester öffentlich auftrat, durfte Hugo mitspielen - und zwar in einem Mozartkostüm. Diese Assoziation war sehr deutlich. Die Kindheitserfahrung, vom Vater und seiner Heimatstadt als außerordentliche musikalische Begabung bewundert zu werden, sollte den Lebensweg Hugos entscheidend mitprägen.
In der Volksschule zeichnete er sich durch klaren Verstand, Fleiß und gutes Benehmen aus, so daß sein Vater beschloß, ihn gemeinsam mit seinem Bruder Max auf das Gymnasium in der Lichtenfeldgasse in Graz zu schicken. Beide nahmen auch Violinunterricht im "Steiermärkischen Musikverein", Hugo zusätzlich sechs Wochen Klavierunterricht bei Johann Buwa. Schon nach einem Semester wurde er wegen ungenügenden Erfolge aus dem Gymnasium entlassen. Nach dem Scheitern in Graz nahm der Vater einen zweiten Anlauf und gab Hugo in das Untergymnasium der Benediktiner zu St. Paul. Die Schülerzahl am Internat war zu Beginn des Schuljahres 1871/72, als Hugo Wolf eintrat, auf 37 gesunken. Das Zeugnis des ersten Semesters sah noch recht hoffnungsvoll aus. Es gab zwar in Mathematik und Deutsch ein "genügend", aber in den anderen Fächern doch bessere Beurteilungen, in Latein sogar ein "lobenswert". Ab dem zweiten Semester verschlechterten sich die Beurteilungen kontinuierlich, eine Tendenz, die sich auch im Studienjahr 1872/73 fortsetzen sollte. Schließlich stand er am Ende des zweiten Schuljahres in Slowenisch und Latein auf "nichtgenügend". Die für Latein notwendige Nachtragsprüfung bestand er, was ihn zum Aufstieg in die dritte Klasse berechtigt hätte.
Doch es gab nicht nur Schwierigkeiten in der Schule, sondern auch solche mit seinem Benehmen im Internat. Die Hausordnung der katholischen Internate war damals sehr streng und auf bedingungslose Disziplin ausgerichtet. Der Tagesablauf war geregelt von der Morgenmesse über das Mittagsgebet bis zum "Silentium religiosum" am Abend.
Wir besitzen einen Brief, den Hugo Wolf vermutlich am 5. Juni 1873 an seinen Vater gerichtet hat und in dem er in einem etwas unbeholfenen Deutsch seine ganzen Probleme darstellt: „Sie werden heute den 5. gewiß einen Brief vom Präfekten erhalten haben. In diesem schildert er (...) von meinem Benehmen sowie von meinem Gang in der Schule. Einiges ist wohl wahr, aber vieles schändlich erlogen. (...) Von meinem Benehmen schreibt er, daß ich stolz, trotzig, eigensinnig u.s.w'. sei. Ich kann dies gar nicht begreifen, wann er sich dies ausgetüpfelt hat. Ebenso log er sehr infam, indem er zu mir sagte, wie er es Ihnen schreibt, daß er mir gedroht habe, mich aus dem Stift zu schaffen und ich gesagt haben soll: Ich gehe nach Marburg. Auch schrieb er, daß ich ihn nie um Verzeihung bat. Ich ging einmal schon im I. Kurs zu ihm und bat ihn wegen etwas anderem um Verzeihung. Er wies mich aber zurück und sagte: Dies ist alles nur Heuchelei. Frank WALKER zitiert auszugsweise den Brief des Präfekten, Pater Sales Pirc, auf den Hugo Wolf hier anspielt: „Ich habe diesen Brief, wie er hier ist, dem Hugo vorgelesen und hoffte, ihn dadurch zur Reue und Einsicht zu bringen. (...) Leider täuschte ich mich. Ich sah an Hugo gar keine Veränderung - er bat nicht um Vergebung, sondern, nachdem ich ausgelesen, machte er rechtsum und ging, als wenn gar nichts wäre.“
Die Fronten waren klar: auf der einen Seite ein Erzieher, der es gut mit dem jungen Schüler meinte, der sogar aus Graz Noten besorgte, damit Hugo am Klavier, sein Mitschüler Ernst Gassmayer (Violine) und der Internatssekretär Denk (Violincello) Opernpotpourris spielen konnten - auch Vater Philipp gesellte sich manchmal zu diesem Trio -, auf der anderen Seite der junge Hugo Wolf, der seinen Erzieher der "schändlichen" und "infamen" Lüge zeiht. Ab Herbst 1873 schickte Philipp Wolf seinen Sohn auf das Gymnasium in Marburg. Doch auch hier wieder das gleiche Verhalten, wie aus einem Brief an die Eltern vom 29. Juni 1875 hervorgeht: "Teuerste Eltern! Ich bin jetzt bei der Prüfung in Physik und Mathematik durchgefallen, aus Griechisch und Latein nach gar nicht dran gekommen." Dann berichtet er weiter, daß er am Sonntag nicht in die Schulmesse gegangen sei, weil er im Dom bei einer Aufführung von Hummels "Missa solemnis" l. Violine gespielt hätte und eine Messe am Sonntag wohl genügen müsse. Doch dieses Vergehen werde ihm eine Bestrafung von 3 bis 4 Stunden Karzer einbringen. Um dieser Strafe vorzubeugen, ersucht er den Vater, ihn aus dem Gymnasium zu nehmen. Sollte der Vater aber nicht rechtzeitig antworten, werde er selber austreten. Ferner fügt er hinzu, der Direktor sei auch deswegen so "zornig, weil ich während dem S. seiner Stunde mein Frühstück aß, (...) da ich Appetit hatte." - Was sich in St. Paul bereits abgezeichnet hatte, setzte sich in Marburg fort. Mit den schlechten Schulergebnissen, die ihm keines Kommentars wert sind, und groben Verstößen gegen die Schulordnung will er den Vater zwingen, ihn vom Gymnasium zu nehmen, um Musik studieren zu können. Für ihn war Musik wie "Essen und Trinken". Da er mit "Bitten" den Vater nicht umstimmen konnte, mußte er so und nicht anders vorgehen. Zusätzlich versuchte er seinen Vater auch mit etwas Positivem zu überzeugen, indem er zu komponieren begann: "Am Sonntag den 11. April (1875) um ½ 9 Uhr Abends die Sonate angefangen", sein Opus I, das er dem Vater widmete. Dieser unvollendet gebliebenen Sonate folgten die "Variationen für Klavier" (op. 2) und höchstwahrscheinlich noch in Marburg die Lieder op. 3.
Hugo Wolfs Methode der Leistungsverweigerung, der Nichtbeachtung der Schulordnung sowie seine ersten Kompositionen führten schließlich zum Erfolg. Sein Vater erlaubte ihm, ab Herbst 1875 an das Konservatorium in Wien zu gehen, um Klavier und Komposition zu studieren. Obwohl er damit das Ziel seiner Wünsche erreicht hatte, holte ihn hier seine Methode, keine Autoritäten außer den selbstgewählten anzuerkennen, ein. Er erzielte zwar sehr gute Lernerfolge, verließ aber doch nach eineinhalb Jahren das Konservatorium unter ungeklärten Umständen. Sein Kommentar da zu: Er hätte hier "mehr vergessen. als gelernt."
Ab dem 18. Lebensjahr jedenfalls war Hugo Wolf sein eigener Lehrer. Es gab zwei musikalische Autoritäten, die er über alles verehrte und für die er auch als Musikkritiker im "Wiener Salonblatt" kämpfte, nämlich Richard Wagner und Franz Liszt. Unter ihrem Einfluß entwickelte er seinen persönlichen Kompositionsstil. Im Zentrum seines Schaffens standen die Lieder für Gesang und Klavier. Ab Februar 1888 schuf er innerhalb von drei Jahren 187 Lieder nach Gedichten von Eduard Mörike, Josef von Eichendorff, Johann W. Goethe, das "Spanische Liederbuch" und den l. Teil des "Italienischen Liederbuches", Werke, die heute in allen Konzertsälen der Welt zu hören sind.
Hugo Wolfs Leben ist die einzigartige Geschichte eines, der nichts scheute, um das Ziel zu erreichen, der Musik zu leben. Die ersten Schritte setzte er hier in St. Paul. Er nahm bewußt ein Leben voll Sorgen und Armut auf sich, um frei sein zu können für seine Musik, die ihm "Essen und Trinken" war. Er starb am 22. 2. 1903 in der Niederösterreichischen Landesirrenanstalt in Wien. Seine Lieder, um die er ein Leben lang gelitten und gekämpft hat, leben heute mehr denn je und erfreuen Sänger wie Publikum auf der ganzen Welt.


Leopold Spitzer


Literatur: Ernest NEWMANN, Hufo Wolf (Leipzig 1910).
Eernst DECSEY, Hugo Wolf (Leipzig 1903).
Frank WALKER, Hugo Wolf. Eine Biographie (Graz,/Wien/Köln 1953).
Hugo Wolf. Eine Persönlichkeit in Briefen. Familienbriefe. Hrsg. von Hugo Wolf (Leipzig 1912).