© Bundesstaatliche Studienbibliothek, Linz
Bayerisch-österreichisch, letztes Viertel des 14. Jahrhunderts., Pergament, Holzdeckel mit rotem Lederdberzug. 331 Blatt, 390 Miniaturen verschiedener Größe. Höhe 365-378 mm, Breite 265-275 mm
|
Über den Ort und das Jahr der Entstehung dieses illustrierten Pergamentcodex, seine Schreiber und Maler, einen Auftraggeber oder den Erstbesitzer gibt kein Kolophon oder ein früher Besitzereintrag in der Handschrift Auskunft.
Die Zeichnung eines Wappens auf dem Vorderspiegel datiert Martin Roland noch in das 15. Jahrhundert und bringt sie mit dem Wappenschild der Familie Thannhauser in der Pfarrkirche von Mariapfarr (Bundesland Salzburg) in Verbindung. Am Ende des 16. Jahrhunderts war die Handschrift im Besitz der Salzburger Bürger Raphael Geizkofler (1539-1587) und Georg Thenn (gestorben 1592), die sich in Einträgen auf Blatt 331v nennen. 1712 befand sich der Kodex bereits im Besitz des Benediktinerklosters Gleink, wie die Eintragung auf dem Vorderspiegel zeigt: "Mon(aste)rii Glunicensis MDCCXII".
Das Kloster Gleink war während der Reformation und der Türkengefahr vor dem geistigen und materiellen Zusammenbruch gestanden, was auch der Stand der Bibliothek von 110 gedruckten und 150 geschriebenen Büchern im Jahr 1599 sehr deutlich veranschaulicht. Die Erwerbung der Handschrift dürfte in die Zeit eines relativen Aufschwungs am Ende des 17. Jahrhunderts fallen.
Nach der Aufhebung des Klosters aufgrund des Befehls Josefs II. vom 21. Mai 1784 kam die Handschrift an ihren heutigen Aufbewahrungsort.
Der am Ende des 14. Jahrhunderts entstandenen Weltchronik, die sich nun als Codex 472 in der Bundesstaatlichen Studienbibliothek in Linz befindet, kommt eine Schlüsselrolle in der Überlieferungsgeschichte der Gattung der mittelhochdeutschen Vers-Weltchroniken zu. Die in ihr überlieferte Kompilation ist sehr wahrscheinlich die Urschrift bzw. textkritisch gesprochen der Archetyp des sogenannten "Heinrich von München". Diese beruht zum größten Teil direkt oder indirekt auf drei um die Mitte bzw. in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts entstandenen Werken: Es sind dies Rudolf von Ems' "Weltchronik", die anonyme "Christherre-Chronik" und Jans Enikels "Weltchronik". In größerem Umfang ist außerdem der "Trojanerkrieg" Konrads von Würzburg in die vorliegende Kompilation eingegangen.
Die Handschrift gibt wie ihre Vorlagen die Bücher des Alten Testaments wieder, bricht aber zu Beginn des vierten Buches der Könige mit der Geschichte vom Ölwunder des Elisäus ab.
Die Weltchronik-Kompilation des Linzer Codex 472 ist mit geringen Änderungen überliefert in einer etwa zur selben Zeit entstandenen, ebenfalls illustrierten Pergamenthandschrift (Österreichische Nationalbibliothek, Codex Ser. nova 2642) und in einer jüngeren, nicht illustrierten Papierhandschrift (Österreichische Nationalbibliothek, Codex 3060) vom Jahr 1427.
Der Melker Benediktiner Placidus Amon (1700-1759) überließ dem Literaturtheoretiker Johann Christoph Gottsched eine Abschrift zu einer geplanten, aber nie zustandegekommenen Veröffentlichung (4 Bände: heute in Dresden, Sächsische Landesbibliothek, M 167).
Da etwa zur selben Zeit und im selben Raum wie der Linzer Kodex eine Reihe von Weitchronik-Handschriften entstanden, vermutet Jörn Günther eine "große Buchmalerwerkstatt im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts im östlichen Bayern" (= Bayern-Österreich), die auf Weltchroniken spezialisiert war, und weist ihr die folgenden Handschriften und Fragmente zu: München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 4 und Cgm 5; New York, Pierpont Morgan Library, M. 769 und Fragmente der "Heinrich von München"-"Urfassung".
In der Ausstellung sind die Blätter 40v mit der größten Miniatur der Handschrift, dem "Turmbau zu Babel", und 41r mit der Darstellung "Der Hauptmann Bel nimmt Opfergaben an" aufgeschlagen. Die sich auf den Blättern 39vb bis 42vb findende Erzählung vom Turmbau zu Babel stützt sich in ungekürzter Form auf Jans Enikels Weltchronik (3245-3398).
Norbert Loidol
|