De Humani corporis fabrica libri septem.

De Humani corporis fabrica libri septem.

In: Kunst des Heilens. Aus der Geschichte der Medizin und Pharmazie. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in der Kartause Gaming vom 4. Mai bis 27. Oktober 1991. Wissenschaftliche Ausstellungsleitung von Manfred Skopec. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums. N.F. 276. – Wien: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Kulturabteilung 1991. XVI, 893. 4°. Objekt-Nr.: 15.05, S. 612.

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Leihgeber: Staatsbibliothek Antwerpen (Belgien), Sig. SB/J 5833
De Humani corporis fabrica libri septem.

© Stadtbbliothek Antwerpen


Andreas Vesalius
Basel, Johannes Oporinus, 1543
2°, 659 (= 663) Seiten. Mehr als 200 Holzschnitte
Weißer Schweinslederband aus der Entstehungszeit; ein Schloß erhalten; Autor und Titel auf dem Vorschnitt
Herkunft: Geschenk von Lazarus Marquis an die Bibliotheca Antwerpiana 1609 (als Holzschnitt auf dem Titelblatt)

Andreas Vesalius wurde am 31. Dezember 1514 als Sohn des Hofapothekers Karls V. in Brüssel, und zwar im Stadtviertel um die Hoogstraat, geboren. Von 1530 bis 1533 studierte er die "litterae humaniores" am "pedagogium Castrense" in Leuven und wurde dort zum "magister artium". 1533 inskribierte er an der Medizinischen Fakultät in Paris (1533-1536), wo die Galenisten Gunther von Andernach (1505-1574) und Jacobus Sylvius (1478-1555) seine Lehrmeister der Anatomie waren. Letzterer sollte ihm den Umgang mit dem Seziermesser beibringen.
Aus politischen Gründen verließ er frühzeitig Paris und kam neuerlich nach Leuven (1536-1537), wo er zusammen mit seinem Freund Gemma Frisius seine osteologische Kenntnis anhand von Knochen vertiefte, die von Skeletten aus dem Galgenfeld stammten. Vesalius sezierte in Leuven unter der Aufsicht von Johannes Armentarius und erhielt hier wahrscheinlich sein Lizentiatsdiplom.
1537 finden wir ihn dann an der hochangesehenen Medizinischen Fakultät von Padua, wo er am 5. Dezember 1537 den Doktortitel erhielt, um eine Woche später zum Dozenten der Chirurgie und Anatomie ernannt zu werden. 1538 gab er in Venedig auf Anfrage seiner Studenten unter dem Titel "Tabulae Anatomicae Sex" die Skizzen heraus, die er vor und während der Vorlesungen gemacht hatte. Zwischen 1540 und 1543 arbeitete er fieberhaft an den sieben Büchern seines Lebenswerkes "Das humani corporis Fabrica", welches 1543 bei Oporinus in Basel herausgegeben wurde.
Von 1544 bis 1556 war Vesalius Leibarzt Karls V., dem er auf seinen Kriegszügen durch Frankreich, Deutschland und Österreich folgte.
1555 erschien ein zweiter Druck der Fabrica, die nicht nur typographisch besser ausgeführt, sondern auch mit Änderungen, Ergänzungen und Verbesserungen versehen war.
Nach dem Thronverzicht Karls V. im Jahr 1556 in Madrid wurde Vesalius Pfalzgraf und folgte Philipp II. als Leibarzt nach Madrid.
1563 unternahm er aus noch ungeklärten Gründen eine Wallfahrt ins Heilige Land. Auf der Rückreise strandete sein Schiff auf der griechischen Insel Zanthe, wo er 1564 starb und begraben wurde.
De Humani corporis fabrica Libri septem, 1543 in Basel bei Johannes Oporinus verlegt, gehören zu den Klassikern der Medizin und der Buchkunst. Es gibt kein illustriertes Buch, dem in beiden Fächern zugleich ein ähnlich hoher Rang gegeben werden könnte. Der Verfasser, Andreas Vesalius, war, als er seine "Fabrica" schrieb, Lektor für Chirurgie an der Universität Padua. Er war 28 Jahre alt, als das Buch erschien.
Die Gliederung der Darstellung wurde darin von Galenus übernommen, doch ausgehend vom Prinzip, daß die menschliche Anatomie an menschlichen und nicht an tierischen Leichen studiert werden muß, bringt der Brabanter Arzt mehr als 200 Verbesserungen am Werk seines berühmten Vorgängers an. Er wagte es, das scholastische, dogmatische, Galenische Autoritätsargument zu verwerfen. So widerlegte er das Bestehen eines Gelenks zwischen zwei Unterkieferknochen und gibt eine präzise Beschreibung des Brustbeins, des Kreuzbeins, der Menisci und so weiter.
Die Anatomie des Vesalius ist nicht nur deskriptiv und topographisch. Das experimentelle, funktionelle und biomechanische Element kommt ebenso vor. Die plastischen Figuren (hauptsächlich von Von Calcar, einem Schüler Tizians) stellen lebende Skelette dar. Hautlose Männer mit sichtbaren Muskelsträngen in Aktion geben eine dynamische Vorstellung des Menschen.
Schon die Ouvertüre der "Fabrica" ist ein Kunstwerk hohen Ranges: ein Titelholzschnitt, der zur Zelt seines Erscheinens Aufsehen erregt haben muß. Der Verfasser läßt sich bei einer Anatomie darstellen, so wie er sie mehrmals von Studenten und Professoren in Padua und Bologna abgehalten hat. Er doziert an der Leiche und ist sein eigener Prosektor zugleich. Das ist nicht ganz so neu, wie es allenthalben zu lesen steht. Zwölf Jahre früher war in Paris zum allerersten Mal eine Leichendemonstration – ebenfalls auf einem Titelblatt – im Holzschnitt dargestellt worden.
Vesals Titelblatt ist aber nicht nur ein anspruchsvolles Kunstwerk, sondern auch als Programm für den Inhalt des Buches wichtig. Hier ist kein Streitgespräch dargestellt, sondern der Lehrer der Anatomie demonstriert seinen Zuhörern und Zuschauern den Bauchsitus einer weiblichen Leiche. Der Ort ist ein ad hoc errichtetes hölzernes Theatrum, überfüllt mit einem bunten Publikum; der Illustrator präsentiert die Szene teils realistisch, geradezu im Wert einer modernen Bildreportage, halb ist er aber noch dem herkömmlichen Schema einer Theaterszene verpflichtet. Viele Einzelheiten sind wohl auf besonderen Wunsch des Verfassers in die Szene eingearbeitet. Sein Konterfei blickt den Betrachter an, während seine Hände unmißverständlich dozieren. So ist der Leser auf den Inhalt des Buches vorbereitet und erwartet die Beschreibung des menschlichen Körpers auf Grund der Beobachtungen des Autors. Seine sprechenden Hände werden schon im Vorwort mit der Dedikation an Kaiser Karl V. in engste Beziehung zum Text treten, wenn er von der Verwendung der Hand spricht, die seit den Römern von den Ärzten "gänzlich vernachlässigt" worden sei. "Weil die Ärzte das Amt der Hände anderen überließen und die Kenntnis der Anatomie verloren", habe die Medizin ihren ursprünglichen Glanz eingebüßt. Das Buch soll denen, die Vesals Sektionen beigewohnt haben, einen Text vermitteln, der es ihnen erlaubt, auch "anderen mit geringer Mühe die Anatomie zu zeigen". Aber auch wer keine Leiche als Demonstrationsobjekt hat, dem werden "die 7 Bücher in Zukunft erst recht nicht unnütz sein ", so fährt er im Vorwort fort.


Jan-P. Tricot


Literatur: De Geneeskunde in de zuidelijke Nederlanden (1475-1660, Antwerpen 1990 (Publikaties van het Museum Plantin-Moretus en het Stedelijk Prentenkabinet 18) S. 126ff.