Thomas Stern: Neue Lernkultur im naturwissenschaftlichen Unterricht

(aus: Schulinnovationen 13, IFF-Klagenfurt 1998, S 14-15)

 

Wenn Lernen sich nicht an der Fachsystematik, sondern an den Interessen und Erfahrungshorizonten der Schülerinnen und Schüler orientieren soll - was heißt das für die Unterrichtspraxis? Wie können individuell unterschiedliche Bedürfnisse und Vorlieben, Begabungen und Lerngeschwindigkeiten berücksichtigt werden?

 

"Neue Lernkultur" heißt Abschiednehmen vom Konzept der bloßen Wissensvermittlung. Aufgabe des Lehrers oder der Lehrerin ist vielmehr das Arrangieren von vielfältigen Lernsituationen, bei denen authentische Erfahrungen gemacht und bearbeitet werden können. Wichtig ist es dabei, davon auszugehen, was die Schüler/innen bewegt, und was sie bereits wissen. Das Klassenzimmers wird in eine "anregungsreiche Lernumwelt mit verschiedenen Aktivitätszonen für selbständige Lerntätigkeiten" (1) umgestaltet. Die Schüler/innen arbeiten allein, zu zweit oder in Gruppen. Sie lernen Aufgaben zu besprechen, Ideen gemeinsam zu entwickeln und Lösungswege zu finden. Sie "können sich die Zeit innerhalb eines Rahmens ... selbst einteilen, sie lernen ihre Arbeitsergebnisse selbst zu kontrollieren und ihr Wissen richtig einzuschätzen." (2) Das läßt sich sowohl durch projektartiges Arbeiten als auch mit offenen Lernformen (Wochenplanarbeit) verwirklichen.

 

Das geänderte Rollenbild und Aufgabenprofil des Lehrers oder der Lehrerin besteht dann nicht mehr darin, zu erklären, Anweisungen zu geben, zu disziplinieren und zu kontrollieren, sondern Lernunterlagen und Anregungsmaterialien bereitzustellen und die Schüler/innen bei ihren Eigenaktivitäten und bei der Selbsteinschätzung zu unterstützen.

 

Eine wesentliche Hilfe bei der Umstellung kann dabei die systematische Reflexion sein. Bei mehreren Teilnehmerinnen und Teilnehmern des PFL-NW-Lehrgangs hat die Untersuchung des eigenen Unterrichts dazu geführt, sich auf offene Unterrichtsformen einzulassen. Das soll anhand von vier Beispielen illustriert werden:

 

 

 

 

Allen diesen Praxisbeispielen ist eines der wesentlichsten Merkmale von "Neuer Lernkultur" gemeinsam, nämlich daß "Lehrer/innen und Schüler/innen gemeinsam lernend an eine Sache herangehen" (7).

 

  1. Einsiedler, W.: Offener Unterricht, WPB 1/1985, S 20-22.
  2. Pick, M.: Offene Lernformen - ein Aspekt neuer Lernkultur, AHS 4/1996, S124-125.
  3. Bartosch, I.: Verständnis im Physikunterricht: Die Metamorphose einer Metapher, PFL-NW 4, IFF 1996, Klagenfurt.
  4. Elster, D.: Offenes fächerübergreifendes Lernen in der Oberstufe, PFL-NW 18, IFF 1996, Klagenfurt
  5. Janach, O.: Selbsttätiges Erarbeiten in Schülergruppen: Die Ozonproblematik, PFL-NW 20, IFF 1996, Klagenfurt.
  6. Wiltschnig, Z.: Projektorientierte Partnerarbeit im Vergleich zum Lehrervortrag im Biologieunterricht, PFL-NW 20, IFF 1996, Klagenfurt.
  7. Gudjons, H.: Handlungsorientiertes Lehren und Lernen. Projektunterricht und Schüleraktivität. Klinkhardt, Bad Heilbrunn, 1986.